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Steve Gadd, das „Fourtom“ oder „Tom Tom for Backbeat“

April 7, 2021

Immer wieder spannend, wenn sich unter Schlagzeuger*Innen eine neue Mode etabliert. Und dabei denke ich nicht an fingerlose Handschuhe oder Signature Schuhwerk, auch nicht an Setup-Styles (Becken hoch, tief, schräg nach vorne; ein, zwei, kein Racktom) oder Sound-Updates (Concert-Toms, Roto-Toms, elektronische Toms), sondern an Pattern-Konzepte, die plötzlich zum guten Ton und Gestaltungs-Repertoire gehören.

Diesbezüglich hatte ich mich neulich schon mal auf die Suche begeben, um herauszufinden, dank welchem Drummer sich der Achtel-Offbeat auf der Glocke des Ridebeckens etabliert hat. Eh klar, dass sich dabei eine*n „Allererste*n“ kaum auszumachen lässt und dass es vielmehr darum geht, ab wann und warum sich eine neue Spielart als selbstverständlicher Rhythmusbaustein unter Trommler*Innen etabliert hat.

Diese Zeitreise und damit verbundenen Erkenntnisse waren spannend und in vielerlei Hinsicht inspirierend.
Insofern möchte ich erneut spekulieren und mich diesmal jenem Backbeat-Klangwechsel widmen, bei dem anstelle der Snare das Standtom gespielt wird. Eine simple Groove-Variation, die sich Ende der siebziger Jahre etabliert hat. 
Gerne auf die „vier“: ein Floortom on the Four, ein „Fourtom“!

Los geht’s. Es gibt viel Musik zu hören und Notenbeispiele mitzulesen. Die Links zu Spotify Playlist und PDF findest Du am Ende des Beitrags.

Ich könnte mir vorstellen, dass die besondere Rhythmusarchitektur von „50 Ways to leave your Lover“ (1975, Notenbsp. 1) als Rampe gedient haben könnte. Nicht nur weil sie von dem aufgehenden Schagzeug-Star Steve Gadd getrommelt wurde, sondern weil dieser Song auch der erfolgreichste von Paul Simons Solokarriere war, sprich ein Welthit mit großer Reichweite.

Jedenfalls erklingt dort jenseits aller kreativen und trommeltechnischen Finesse am Ende des zweitaktigen Patterns das Floortom auf der Zählzeit „vier“. Sie verleiht dem Beat ein Laid Back Feel und macht die Phrase klar.

Dass Herr Gadd ähnlich strukturierte Zweitakter schon früher aufgenommen hatte, lässt sich auf Arif Mardin Track „Street Scene: Dark Alleys“ (1974, Notenbsp. 2) wunderbar nachhören. Auch hier beginnt das Schlagzeug alleine und schließt die Pattern-Klammer mit einem tiefen (und wunderbar vintage klingenden) Tom auf Zählzeit „vier“.

Ebenfalls zweitaktig, ebenfalls beidhändig, schlägt Lenny White die Floortom-Zäsur für seine Return to Forever Komposition „Sorceress“ (1976, Notenbsp. 3).

In dem gängigen Klischee wird der Backbeat des Song-Grooves einfach zwischen Snaredrum und Standtom aufgeteilt, meist nur für einen speziellen Teil des Arrangements. Die Zählzeit „zwei“ wird dabei weiterhin auf der kleinen Trommel ausgeführt, die „vier“ jedoch wandert aufs tiefe Tom. Dass für diese Aktion zudem gerne auch aufs Ridebecken gewechselt wird (dabei nicht selten Offbeat-Achtel erklingen), ist bestimmt der Ergonomie des typischen Rechtshänders geschuldet (und einem weiterhin klar kommunizierten Puls).

Für manch ruhigeren Track ist die „Fourtom“ Bestandteil des eigentlichen Beats und wird erst im weiteren Songverlauf zu Steigerungszwecken durch einen Snare-Schlag ersetzt.

Stuff „Signs“, „That’s the way of the World“ Live in Montreux (1976) mit Steve Gadd
Carly Simon „Nobody Does It Better“ (1977) mit Jeff Porcaro (Tom plus Syndrum!)
Linda Ronstadt „Blue Bayou“ (1977) mit Rick Marotta (Tom plus Syndrum!)
Lee Ritenour „Dolphin Dreams“ (1977, Notenbsp. 4) mit Harvey Mason
Stuff „Mighty Love“ (1979) mit Steve Gadd
Steps Ahead „Recorda Me“, „Sarah’s Touch“ (1979, Notenbsp. 5) mit Steve Gadd
Paul Simon „One Trick Pony“ (Notenbsp. 6), „Ace in the Hole“ (1980) mit Steve Gadd
Grover Washington Jr. „Make me a Memory (Sad Samba) Live“, „Just the Two of Us Live“ (1981) mit Steve Gadd
Chick Corea Electric Band „Time Track“ (1986, Notenbsp. 7) mit Dave Weckl (add. Floortom links von der Hihat)

Für Intros und Breakdown-artige Zwischenteile lässt sich die Floortom durchaus auch als kompletter Backbeat-Ersatz auf „zwei“ und „vier“ schlagen.

Harvey Mason „Funk in a Mason Jar“ (1977) mit Harvey Mason
Bob James/Earl Klugh „Afterglow“ (1978) mit Harvey Mason
Al Jarreau „Gimme what you got“
 (1980, Notenbsp. 8) mit Steve Gadd
Grover Washington Jr. „Just the two of us“ (1980) mit Steve Gadd
Lee Ritenour „Rio Funk“ (1985, Notenbsp. 9) mit Carlos Vega 
Sting „When the Angels fall“ (1991) mit Manu Katché

Um die Energie noch weiter zurückzunehmen, lässt sich alternativ auch auf ein Half-Time-Pattern wechseln – jetzt also ein Tomschlag auf die „drei“.

Chick Corea „Nite Sprite“ (1976) mit Steve Gadd
Steely Dan „Aja“ (1977) mit Steve Gadd
Richard Tee & Steve Gadd „Little Brother“ (Video „In Session“ 1985, Notenbsp. 10)

Denkt man jedoch in Double-Time wird die „vier“ zur „vier und“ des eigentlichen Tempos. Diese Platzierung funktioniert gut, wenn das Feel weiter nach vorne verlagert werden soll.

Stuff „This one’s for You“ (1977, Notenbsp. 11) mit Steve Gadd
René & Angela „Do you really love me“ (1980) mit Andre Fisher oder Ed Green oder Jeff Porcaro oder John Robinson

Spätestens mit dem 1980 veröffentlichten Standardwerk „Advanced Funk Studies“, wird klar, dass der Floortom-Akzent seinen Platz gefunden hat. In diesem Lehrbuch von Rick Latham bekommt der wissbegierige Schlagzeuganwärter gleich zu Beginn mit Groove #1 ein „Fourtom“ präsentiert  (1977, Notenbsp. 12).
Selbstverständlich folgen in den weiteren Groove-Übungen noch einige andere Varianten, ebenso diverse Transkriptionen mit der Standtom-Vier. Beispielsweise: 

Chick Corea „The Musician“ (1977, Notenbsp. 13) mit Gerry Brown
Kenny Loggins „I’ve got the Melody (Deep in my heart)“ (1977, Notenbsp. 14) mit Steve Gadd

Aber nicht nur in Pop, Funk und Jazzrock wird die Idee aufgegriffen, auch Disco-Grooves nehmen den Standtom-Backbeat gerne als Variation ins Repertoire, mitunter auch zur Dopplung bzw. Anfettung der Snare.
Was ein Zungenbrecher: Four on the Floor with a Four on Floortom…

The Eagles „One of these Nights“ (1975) mit Don Henley
Boney M. „Sunny“ (1976) mit Keith Forsey
Donna Summer „Faster and Faster to Nowhere“ (Notenbsp. 15), „Rumour has it“ (1977) mit Keith Forsey
The Jacksons „Don’t blame it on the Boggie“ (1978) mit Rick Marotta

Ergebnis des Modern Drummer Poll 6/7 1980

Den Credit für die Verbreitung und Etablierung des „Tom Tom for Backbeats“ Kunstgriffs würde ich unbedingt Steve Gadd in die Vita schreiben wollen. 

Nur das Wort „Erfindung“ möchte ich in diesem Zusammenhang gerne umschiffen. Es deuted zu stark auf etwas Geplantes oder Kontruiertes. Das dem eindeutig nicht so war, belegt ein späteres Zitat des Meisters. Die einzelnen Bausteine unterschiedlicher Herkunft lagen einfach in der Luft und wurden zunächst einmal eingesammelt und verinnerlicht, weil sie gefielen. Später wurde mit dem Fundus gespielt und passend zum musikalischen Kontext gebaut. Heute würden wir von Pattern-Lego sprechen.
In diesem Sinne würde ich gerne die einzelnen Fäden bennen können, die letztlich zu diesem stimmigen „Pull-Over“ geführt haben. Und da ich alles andere als ein Kulturforscher bin, ertäume ich mir folgende Verstrickungen:

Lasst uns ins Jahr 1963 zurückblättern und die Hal Blaine Anekdote zur „Be my Baby“ Recording Session erinnern, als er zeitgleich mit der roten Aufnahmeleuchte einen Trommelstock fallen lässt, durch die anschließende Stock-Beschaffungsmaßnahme aber lediglich die Zählzeit „vier“ auf der Snare unterbringt und fortan den „Fehler“ selbstbewusst wiederholt, als ob nichts anderes geplant worden wäre.


>>When you’re in the studio, if you make a mistake, do it every four or eight bars. It becomes part of the arrangement.<<


Im Fall des Ronettes-Hits hat sich ein gut funktionierendes Groove-Modell über Millionen von Hörerohren ergossen und eine neue Art des Halftime-Feels, die alleinige Backbeat „vier“, wurde zur Option.

The Ronettes „Be my Baby“ (1963, Notenbsp. 16)

Diese „vier“ wird gerne auch (als Abschluß einer groß gedachten Clave-Phrase) in den typischen New Orleans Funk Grooves gespielt, die vor allem Zigaboo Modeliste in den 1970er Jahren den geneigten Funk Aficionados näherbrachte.

The Meters „Jungle Man“ (1974, Notenbsp. 17mit Zigaboo Modeliste
Ry Cooder „Tattler“ (1974) 
mit Jim Keltner

Randnotiz: Ein anderes wichtiges New Orleans Beat-Klischee entstand durch die Übertragung der Second Line Patterns der Marching Bands. Ihr Hauptmerkmal sind die an Rudiment-Etuden erinnernden Snare-Patterns, der deutlich wahrnehmbare Unterschied zur Übung: ihr Shuffle-Feel.

The Meters „Hey Pocky A Way“ (1974) mit Zigaboo Modeliste

Derartige Grooves könnten dem Rudiment-afinen Gadd gut gefallen und Einfluss auf den „50 Ways“ Groove gehabt haben.
Check auch Yogi Horton Geschichte über die „Shoe Shine Polier Grooves„.

Blicken wir nach Rio de Janeiro. Die wichtigste Karnevaltrommel ist die dem Standtom verwandte Surdo. Sie ist Seele und Basis der Bateria de Samba und entfaltet auf „zwei“ und „vier“ ihren vollen Ton (Notenbsp. 18).

Nach dem großen Einfluss den Bossa Nova auf den nordamerikanischen Latin-Jazz hatte, wurde auch der Samba wieder entdeckt, ebenfalls vom ursprünglichen Perkussion-Ensemble auf das Drumset übertragen und in den Jazz/Fusion-Kontext eingearbeitet. 

Airto „Happy People“ (1977, Notenbsp. 18) mit Airto


Ein häufig getrommeltes Klischee: Sechzehntelnoten auf der Snare, Standtom auf „zwei“ und „vier“, getretene Hihat Offbeats und eine bouncende Kick (hier mit Carlos Vega, 1985).

Die verschiedenen Einflüsse aus Mittel-und Südamerika bieten sich als Kreativ-Bausteine an. Gadd selbst erzählt davon in seinem DCI Lehrvideo „In Session“ (1985): 

>>I love latin music and more I studied being able to understand was when I played with with Chick Corea, when he formed the first electric Return To Forever […] 
I learned a lot just playing with Mingo Lewis.<<

>>I haven’t listened to a lot [of latin music], but I’ve listened to music that I really liked and drummers that I really love the way they play congas and timbales and stuff […] And I just tried to copy them on a set of drums – things that I’ve heard percussionist do in latin bands.<<

>>It’s not like isolating one particular thing as much as just sort of trying to create like a feel.<<

Und immer wieder der Antrieb, mit dem eigenen Vokabular schöne, immer wieder neue Geschichten zu erzählen. Die Siebziger Jahre scheinen auch den nötigen Freiraum ermöglicht zu haben. Im Gegenzug hat Gadd orchestrales und kompositionelles Denken in das Schlagzeugspiel eingebracht,

>>I just applied whatever I knew<<

>>In the 70s music started to change a bit, there was a window to do some things different<<

Zu Gadds erwähnten Lieblings-Trommlern gehört auf jeden Fall auch Rick Marotta und dessen eigenständiger „weniger ist mehr“ Ansatz. 
Wenn wir ihn mit Eric Gale „Killing me Softly“ (1972, Notenbsp. 19) anhören, erklingt in Bezug auf das „Tom for Backbeat“ Thema eine ähnliche Idee: hier übernimmt in relaxtem Tempo die Bassdrum den „zwei“ und „vier“ Part, während die Snare-Hand Sidestick-Viertel schlägt. Dennoch erinnert das Ergebnis in keiner Weise an Reggae.

„Less is more“ war eine Erkenntnis des Studioalltags (und dem damit verbundenen häufigen Wiederhören des Gespielten) und wurde zur ausgesprochenen Herausforderung für Steve Gadd:

>>I found it challenging to try and play less. To play the minimum. 
In the feel and in fills.<<

>>To play the least that you could and still have to feel full.<<

>>Because if you start out there and they want it to build, then you really have a place to go.<<
„Up Close“ Video (1983)

Vor allem aber hat er seine Fähigkeiten nicht in den Vordergrund gestellt, um das eigene Profil zu schärfen, sondern als Grundlage und Vokabular gesehen, um die Wünsche der Produzenten respektvoll und best möglichst zu erfüllen.

>>Your creativity in the part you play is part of every session, whether your part is out front, or whether it’s more of a back- ground thing. I mean, creativity isn’t just coming up with a tricky drum part. Creativity is creating music with a bunch of people that you’re playing with. It’s not a real personal thing; you’re part of a unit, creating a product that’s going to be sold, for an artist who’s written the stuff. You have to work together to come out with music.<< 

>>I never tried to get known for my sound. I’ve never tried to do that. I don’t really have a sound. […] Maybe I do have a sound, but it’s not just the drums. It’s the way you hit the drums.<<
Steve Gadd in Modern Drummer (July 1983)

Insofern ist das abschließende Zitat super passend, nicht nur weil Gadd dort explizit über die Tom-for-Backbeat Idee spricht, sondern weil es offenbar eine Idee von Außen war, der ein egozentrischer Super Drummer vermutlich keinen Raum gegeben hätte:

>>Instead of getting bugged of someone because […] they came up to talk to me about drums – fact that I didn’t get mad and I didn’t look down on them and trying to understand just what it was that they heard was another reason why I started doing the left hand on the hihat or playing tom tom for backback.

It doesn’t come from me, it comes from the people that are working with me and how we communicate.<<
„In Session“ DCI Video (1985) 

A propos Mode: spätestens mit seinem Yamaha Recording Custom Set und der gehängten Vierer-Tomreihe in 10“, 12“, 14“, 16“ hat Steve Gadd einen Trend losgetreten, der in Dave Weckl und Vinnie Colaiuta prominente Epigonen gefunden hat.

Im Modern Drummer Interview der Oktober 1987 Ausgabe spricht der Meister über seine Soundvorstellung:

>>At the moment I’m using a Gretsch bass drum with four Pearl concert toms. I use a 10″ and 12″ mounted on the bass, and a 13″ and 14″ on the floor. They’re relatively small tom-toms compared to some of the guys in the studio. I don’t really believe large drums are the answer anyway. When you tighten a large drum there is a tendency to choke it. With smaller sizes you can keep the heads loose and still get a nice, naturally high pitched drum.<<

>>[…] I use Evans Hydraulic heads on the bass drum and on the tops of all my toms. I like the clear, Remo Ambassador heads on the bottoms. […] 
I prefer bottom heads on all the drums for greater control over the tone. Second, I don’t believe in internal muffling. All muffling should be done ex- ternally. Those internal devices press up against the head and go against the natural movement of the head. I like using both heads because it offers the playing surface tension I prefer, without having to sacrifice pitch. When you want depth with a single head drum you really have to loosen up on the head. You lose the advantages of a firm batter surface. With the bottom head loose, you can still tighten the batter, and retain the desired pitch. […]<<

Wer tiefer ins Gadd-Universum blicken möchte, dem lege ich das legendäre „Steve Gadd Book“ von Hans Fagt ans Herz, jene in 1980er Jahren begehrte Transkriptions-Sammlung, die es heute in PDF Form for free direkt vom Autor gibt. 

Unterm Strich:
Ohren auf, „music first“, sich ein-und fallenlassen, auch wenn dafür eventuell der Pfad des Gewohnten/Geübten verlassen werden muss. Dabei braucht auch nicht jeder Schritt im Vorfeld geplant zu werden.
Kommunizieren hilft, das Einfache oftmals auch. Nicht zuletzt die Freude am Spielen!

-> Link zur Spotify Playlist

DDL 1745A

Februar 23, 2021

Jetzt (1973), mit roten LEDs und Anleitung zu Kunstgriffen. Oder anders gesagt, das Eventide DDL 1745 entwickelte sich vom reinen Helferlein zum wirklichen Effektgerät („Looper“) weiter.

Of necessity, this is an unusual instruction manual…the delay line will be unfamiliar to people whose experience has been exclusively in the audio field

Februar 16, 2021

Wieder mal anschaullicher Effektgeräte-Unterricht aus der Eventide-Uni. Diesmal geht’s um die DDL 1745 digital delay line (und ihren 50sten Geburtstag).

a swimming effect

Januar 21, 2021

Mit einer liebevoll gestalteten Rundmail beginnt Eventide die Feierlichkeiten zum 50sten Geburtstag ihres PS 101 Instant Phaser.

Passt hervorragend zum momentanen musikalischen Lieblingswort/-Imperativ „blend!“

Downtempo, das Echo des Wiener Sounds

Dezember 6, 2020

>>To get away from the – one track after the other – compilation concept [*], K+D checked in at HAVLIS – SUPER SOUND where their man Alex (don of the echo chambers) has a secret dub-laboratory. There K+D did a dub session on the selected tracks to inject some dynamics and life into it. They took two bottles of Highland park whisky and their old dub-echoes from the cellar and did a smoked-out dub echo-orgy. The new track and a slight headache was the result.«
Richard Dorfmeister 

>>Wir waren beeinflusst von Dub. In der klassischen Dubschule ist alles Sound. Ein Vocal trägt nichts zum Song bei, außer dass es in ein Delay gefetzt wird und dir um den Kopf herumfliegt. Das muss keiner singen. Die Sounds tragen dich weiter. [**] In der Einfachheit liegt auch die größte Schwierigkeit. Du bist auf wenige Spuren reduziert, um das ganze Sound- und Frequenzspektrum auszufüllen. Tracks vollräumen, das geht schnell.<<
Peter Kruder

[*] What is the flow? Stewart Copeland asks Daniel Levitin
[**] >>… an organically-flowing, complex yet subtle sound with only two Akai samplers, a Roland Space Delay and a dusty mixer.<<

Kruder & Dorfmeister „Useless“  (vom  >>Mix-Album „The K&D Sessions“ (1998) wurde in den Chill-Out-Lounges von Ibiza bis New York rauf- und runtergespielt. Das Album gilt als Klassiker des Genres. Es war der bahnbrechendste Sound aus Wien seit Arnold Schönberg und der größte kommerzielle Erfolg seit Falco.<<)

ORF Doku „Out of Vienna“ (2016)

Übrigens haben wir uns 2007 auch mit Netzer an einen Wiener Track gewagt und eine handgespielte Version mit französischem Gesang erstellt, ausgehend vom „Double Drums“ Remix, den DJ DSL (ebenfalls aus der Hauptstadt) einer Kruder Nummer verpasst hatte.

Baltikum, Provinz Antalya, Schwarzwald

Dezember 5, 2020

Zum morgigen Nikolaustag zwei schöne Bilder aus dem Fundus der @sovietvisuals:

Tag und Nacht im Batikum 1978. Das erste Foto, „Flight“ von Virgilijus Sonta, steht für die Schönheit des Sommers, alltäglichen Futurismus, sowie die immense Freude und Freiheit beim Wasserspringen.
Auch wenn utopisch, so würde ich bei der nächsten Litauen-reise leidenschaftlich gerne genau dieses Schwimmbad auffinden wollen.
Der Lada vor dem Hotel „Viru“ in Tallinn erinnert mich nicht nur angenehm an mein erstes Auto (aus eben dieser Lada-Baureihe, ein sandfarbener unverwüstlicher Kombi mit einem Lenkrad in Bassdrum-Größe), mir gefällt vor allem die Aufgeräumtheit der Straße – eindeutig eine Aufgabe für die Zukunft – und die sternhaften Lichtpunkte, dank denen ich dem Bild tatsächlich auch etwas Vorweihnachtliches abgewinnen kann.
Unter den IG Kommentaren findet man schließlich noch ein erstaunliches Kofferwort „microcrete“:
>>it [the hotel] had a floor devoted to KGB agents spying on its guests. The hotel had so many bugs that locals joked it was made of „microcrete,“ half concrete, half microphone.<<

Auch mir scheint ein Nachfahre des Bischofs von Myra schöne Post geschickt zu haben: zum einen – via Oli Leicht -das grandiose Filmdokument „Jazzin‘ the Black Forest“ über die Geschichte des MPS-Labels in Villingen-Schwenningen, zum anderen die aktuelle Ausgabe des Offbeat-Magazins vom Percussion Creativ Verein (auch aus dem Schwarzwald…) mit einer weiteren tollen Rezension meines Echodrums Buchs:

in the end you have to be able to speak to people with the drums

Dezember 1, 2020

In der Arte Mediathek läuft noch bis zum 21.12.20 die sehenswerte Doku „Drum Stories„. Sie endet mit dem schönen Satz:
>>Die Trommel erzählt Geschichten ohne Worte. Wir verstehen sie, selbst dann, wenn uns der andere fremd ist. Sie zieht uns körperlich und emotional in den Bann, intuitiv und irrtumslos.
Das kann nur die Trommel!<<

Auch von Manu Katché schreibe ich einen Ausspruch ab. Schlagzeugspielen ist für ihn: >>Technique, intuition and a feeling like a 14 year old.<<

Vor allem aber entdecke ich Wojtek Blecharz und sein super spannendes „Manifesto for Orchestra“ – nenne es „klassischen Jam“, Wimmelbild oder die perkussive Kollektivimpro mit dem Publikum…
… die sich irgendwann bei 120bpm findet:

Panorama Drums

Oktober 21, 2020

Lisa Bodenseh hat eine spannende Mix-Frage zum Thema Drumset-Panorama in den Raum gestellt, so dass ich jetzt darüber laut tippe.

Als erstes kommt mir mein ewiges Drehen des Kopfhöres in den Sinn, das Vertauschen der Muscheln, auf dass ich den Schlagzeug-Sound räumlich so wahrnehmen kann, als säße ich dahinter. Denn in der Regel werden die Drums so im Stereopanorama verteilt, als würde ein Konzertbesucher aufs Musikgeschehen blicken: Kick in der Mitte, die Hihat rechts davon, Ride-Becken und Floortom auf der linken Seite. (1. Frage: wie wurden beispielsweise die Deep Purple Trommeln des Linkshänders Ian Paice in Szene gesetzt, wurde nach Regelstandard gemischt oder für Fan und Insider die Seiten vertauscht?)

Die Technik der Sterefonie ist selbstverständlich die notwendige Seite der Medallie, doch erst die massenhafte Verfügbarkeit spezieller Abspielgeräte ist der Schlüssel zur Verbreitung der Idee. Für den zeitlichen Überblick hilft Wikipedia: >>Die ersten Schallplatten mit Stereo-Aufnahmen in Deutschland waren seit 1958 erhältlich. 1964 begann die Rundfunk-Übertragung mit Stereo-Ton auf FM/UKW, Anfang der 80er Jahre bekamen Fernsehsendungen auch Stereo-Ton.<<
Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich der Stereomarkt zunächst auf Testschallplatten (Teaser), Jazz (Experimente) und Klassik (Establishment) beschränkte und dass für einen ganz schön langen Zeitraum nicht nur monokompatible Mischungen produziert wurden, sondern parallel auch Tonträger im Mono und Stereo-Format erhältlich waren.
Im klassischen Sektor wollte man auf jeden Fall das Konzerterlebnis so natürlich wie möglich abbilden, der typische 1960er Jazz Mix interessierte sich hingegen überhaupt nicht für ein realistisches Stereobild, sondern nahm das Upgrade von einem auf zwei (trennbare) Audiokanäle als Steilvorlage für eine krasse Instrumenten Verteilung.
Hey hey, Rudy van Gelder!

Ich spiele mal „All the things you are“ vom Meilenstein „Sonny meets Hawk!“ (1963) ab. Und erinnere mich an unseren ersten Netzer Steady Gig in der Stuttgarter „Bar“, einem sehr schmalen, schlauchähnlichen Club im Stuttgarter Westen. Wenn wir nicht spielten, legte der damalige Betreiber als leidenschaftlicher Jazzfan gerne jene stark gepannten Blue Note Platten auf. Leider standen die Lautsprecherboxen der Stereoanlage an den äussersten Enden der ewig langen Theke. Und so hörte ein Teil der Besucherschaft hauptsächlich Bass und Schlagzeug, der andere eher das Klavier oder Saxophon… (der Jazz-Student fühlt sich vermutlich an die Aebersold-Play-Alongs erinnert)


Mono ist jedenfalls nach wie vor eine klare Aussage und gesichert „phat“.
Ich denke zunächst an Tracks, die für den Dancefloor gemischt wurden (check out Double Mono) bzw. an ältere Club-PAs, in denen vier Mono-Boxen die Tanzfläche umkreisten, dann an die Beatles in Mono.
>>[Alle Alben bis auf „Abbey Road“ und „Let It Be“] waren im Original von Martin und den Musikern im sorgfältigen Monomix vollendet worden. Erst danach durften sich irgendwelche Techniker der Stereofassung widmen. „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“ benötigte drei Wochen, um in Mono so zu klingen, wie die Urheber es wünschten. Nach drei Tagen konnte es in Stereo gepresst werden. Es war ihnen egal.<< (Michael Pilz, 2014)

Googelt man heute nach Panorama Vorschlägen, dann liegen dort in der Regel Bass, Bassdrum (meist auch die Snare) und der Gesang im Zentrum.
Jetzt denke ich sofort an den typischen Klaus Scharff Livesound, bei dem Drums & Vocals nicht nur mittig, sondern auch in puncto Lautstärke dominierten. Die restlichen Klanginformationen als Garnitur…
Ich selbst baue mein Drumkit ohnehin schon sehr mono-kompatibel auf (die vier Teile werden im Club nur von Kick-Mic und SM-58 Overhead übertragen, das kleine Schwarze an der Snare dient nur den Echo-Konzepten), liebe für Schlagzeugaufnahmen tatsächlich auch das „1 Mikro Konzept“ (vor allem wenn das Neumann U47fet dafür verwendet wird) und „bounce“ tapfer all meine Drumsamples einkanalig.

Letztlich entscheiden – wie immer – Deine Ohren! Richtig ist, was Dir gefällt (und nach Drücken der Monotaste nicht völlig zusammensackt)…

Noch zwei gute Punkte vom SOS Magazin:
>>When you hear a drum kit from any typical (or safe!) listening distance, it actually presents very little stereo width at all. Certainly, in any unamplified concert scenario all parts of the kit will effectively appear to be coming from the same location. This weakens the argument for any obvious stereo panning of drum components on grounds of acoustic realism.<<

>>If you’re mixing a track to accompany visuals, then the argument for matching the on-screen drum positioning (ie. usually audience perspective) at the mix may be stronger.<<

Effekt-Trommelei aus der Steinzeit

Oktober 17, 2020

Schon die frühsten RhythmusmacherInnen spielten offenbar lieber mit effektiertem Sound, wie ich eben auf Seite 95 in Mickey Harts „magischer Trommel“ erfahre:

>>[Joseph] Campbell nahm an, daß die Höhle bei religiösen Zeremonien selbst als eine Art Trommel fungierte. Er glaubte, daß die frühen Perkussionisten an einem bestimmten Punkt des Rituals an die Stalaktiten schlugen und so ein dröhnendes Boooong hervorriefen, das sich an den Felswänden brach und effektvoll verzerrt wurde. […]
Joe erzählte mir, er habe diese Hypothese bei einem seiner Besuche in den frühsteinzeitlichen Höhlen Europas überprüft und die Wirkung überzeugend gefunden. Ein archäologischer Fund in Südrussland unterstützt Joes Theorie, daß die Höhle selbst als Resonanzkörper benutzt wurde.<<

Auch auf Seite 96 lese ich etwas Schönes – mittlerweile blättere ich durch die Ausgabe 6/2020 des drums & percussion Magazins – nämlich die sehr gute Rezension meines ECHODRUMS Buchs von Brigitte Volkerts, die folgendermaßen schließt:
>>Man darf sich vom handlichen Format des Büchleins nicht täuschen lassen. Es steckt eine Riesenmenge Menge an Material drin. Sehr inspirierend!<<
Danke, danke!

Happy 100

August 28, 2020

>>Die Frage, welche Musiker:innen Parker postum beeinflusst hat, beantwortet sich sofort: Es sind einfach alle. Welcher Komponist des 20. Jahrhunderts kann das schon von sich behaupten? In der Erzählung „Der Verfolger“ des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar (1958) grübelt der Kritiker über seine Sprache, die angesichts des musikalischen Genies von Johnny Carter – einem US-Musiker vom Autor nach Parkers Vorbild gezeichnet – zu versagen droht. Dem Verzagten lässt sich beim Hören von Charlie Parker nur beipflichten, als er schreibt: „Ich glaube zu verstehen, warum man beim Beten unwillkürlich auf die Knie fällt.“<<
(Franziska Buhre in der taz vom 28.08.20)

Bevor „Der temporäre elektronische Salon“ dem Meister Respekt zollt (heute live Abend im Frankfurter Palmengarten), erzählt noch Phil Woods seine Anekdote über vermeintliche Unzulänglichkeiten des eigenen Equipments und Charlie Parker:

 Und ich lese mir nochmals die Seite 75 in Volker Kriegels „Der Rock’n’Roll-König“ durch.