Archive for the ‘Read!’ Category

im Prozess bleiben

Juli 8, 2020

Eine kleine Anekdote, >>von der ich nicht einmal sicher weiß, ob sie stimmt, aber ist sie erfunden, dann überaus passend. Nach einem Treffen mit der Lyrikerin Ann Cotten begleitete diese Elke Erb ein Stück Richtung Zuhause, sie redeten sich aber so fest, dass sie plötzlich vor Erbs Wohnung standen. Daraufhin wurde wieder ein Stück in die Richtung der anderen gegangen, wieder redete man sich fest, wieder verpasste man die Hälfte des Weges und stand plötzlich vor Ann Cottens Wohnung. Über Poesie gibt es eben doch immer noch etwas zu sagen, zu fragen, zu denken, und es wäre eigentlich nicht verwunderlich, wenn die beiden noch immer unterwegs wären zwischen ihren beiden Wohnungen. Und wozu überhaupt stehen bleiben, wenn man ebenso gut im Prozess bleiben kann, in einer stetigen Wiederbegehung der eigenen Wahrnehmung?<<
Nora Bossong über die diesjährige Büchnerpreisträgerin Elke Erb (taz 08.07.20)

3 nice headlines

Juli 1, 2020

(l)earn the flow
Inspirierendes Gespräch mit Eric Harland und John Mayer.

Auch klasse, der Podcast von Max Gaertner mit Rainer Römer (vom Ensemble Modern, Super Prof der HfMDK).

Im Sitzen seit 1910
… wird die Basstrommel bespielt. Der Ableton Artikel „Enter the Tempel of Boom“ widmet sich der akustischen Kick.
Darin entdecke ich den Verweis auf die Hal Blaine/Phil Spector Anekdote zur „Be my Baby“ Schlagzeugaufnahme. Und lerne, dass das stark verhallte Drumintro nicht dank Strom und Effektmaschine entstanden ist, sondern in einem Spezialraum der LA Gold Star Studios entstanden ist.
Dass Blaine zeitgleich mit roten Aufnahme einen Trommelstock fallen lässt, durch die anschließende Stock-Beschaffungsmaßnahme mit dem anderen Hand aber nur die Zählzeit „4“ auf der Snare unterbringt und fortan den „Fehler“ selbstbewusst wiederholt, als ob nichts anderes geplant worden wäre.
>>When you’re in the studio, if you make a mistake, do it every four or eight bars. It becomes part of the arrangement.<<

Hey, Ferienbeginn!
Hier drei tolle Bücher zum Einstieg: Karl Bruckmaier „The Story of Pop“, Emilie Gleason „Trubel mit TED“, Maraim Kühsel-Hussaini „Tschudi“

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>>Das waren keine Erzählungen mehr, das waren Effekte, Unerschrockenheiten, Farbattacken, inmitten einer Ordnung, die doch jeder bis zu diesem Tage für unantastbar gehalten hatte<< aus „Tschudi“ Seite 13/14

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die Mächtigen demaskieren, fixierte Identitäten zum Einsturz bringen und hinter Fassaden neue Wahrheiten zum Vorschein bringen

Juni 26, 2020

Klaus Walter schreibt im taz Artikel „Der Sieg der puren Vernunft und seine Folgen„:

>>„Es gab um die Pest eine ganze Literatur, die ein Fest erträumte: die Aufhebung der Gesetze und Verbote; das Rasen der Zeit; die respektlose Vermischung der Körper; das Fallen der Masken und der Einsturz der festgelegten Identitäten, unter denen eine ganz andere Wahrheit der Individuen zum Vorschein kommt.“ Schreibt Foucault 1975 in „Überwachen und Strafen“. Vom Übertreten von Verboten, vom Rasen und von der Vermischung der Körper handelt Pop seit eh und je. Pop will die Mächtigen demaskieren, fixierte Identitäten zum Einsturz bringen und hinter Fassaden neue Wahrheiten zum Vorschein bringen. „Let’s go crazy“ forderte Prince, Be­yon­cé war „Crazy in love“, „Break on through to the other side“ sangen die Doors, „Express yourself“ und „Fuck the pain away“ empfahlen Madonna und Peaches. Ein Detroiter Kollektiv mit dem sprechendem Namen Underground Resistance erschütterte die Welt mit einer neuen Musik: Techno. Underground Resistance verstand sich auch als Widerhall von Underground Railroad, das klandestine Schleusernetzwerk verhalf Sklav:innen zur Flucht aus den Südstaaten in den Norden.<<

Ich würde sagen: Auf geht’s!

Gatekeeper & Gapclicks

Juni 19, 2020

Schöne Geschichte, die Anekdote zu Chaka Khans „Night in Tunesia“ (1981)

Unschöne Geschichte, dass diverse Musikmagazine schwer in Not geraten sind. Der Spex Online Redaktion wurde offenbar gekündigt, Groove und JazzThing brauchen dringend rettende Abonnenten! Und der großartige Sticks Chefredakteur Axel Mikolajczak geht bald in den Ruhestand (was ich mir gar noch nicht vorstellen kann…)
Hey, wir brauchen doch die lässigen Gatekeeper!!! Die Guten, die uns an der Hand nehmen, uns durch den Dschungel der Vielfalt führen, uns informieren, mitreißen…

Schöne-schöne Idee: die Gap-Click App von Benny Greb! Endlich gibt’s ein simples Metronom, in dessen Puls sich u.a. Lücken programmieren lassen. Diese Option wird nicht nur Hiphop Nerds begeistern, sondern auch die Freunde der „Inner Clock„.

Tony Allens Verhältnis zur Elektronik

Juni 12, 2020

… war gespalten, wie es sich dem Buch „Tony Allen An Autobiography of the Master Drummer of Afrobeat“ (Duke, 2013) entnehmen lässt. Die Mitentwicklung eines komplett neuen Genres war eine erste selbstverständliche Entwicklung, die Vermischung mit anderen Stilen jedoch eine Aufgabe.
Von der Integration des Dub Gedankens, über die gar nicht goutierte Elektrifizierung durch Trigger, hin zur „electronic on top“ und zu einem Crossover-Gedanken, der Tony Allen Beats für andere freigab („The Allenko Brotherhood Ensemble„) oder Tony Allen auf irgendwelche Musik reagieren ließ (siehe Zusammenarbeit mit Damon Albarn, Air, Jeff Mills u.v.m.)

Hier die passenden Stellen aus der Autobiografie:

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Mit N.E.P.A. (1984) kommen Afrobeat und Dub zusammen:

Tony Allen „Too many Prisoners“ (1987)

Tony Allen „Yebre“ (vom Album „Afrobeat Express“ aus dem Jahr 1989)

Das von Doctor L. produzierte „Black Voices“ Album von 1999 war tatsächlich auch meine erste bewusste Begegnung mit Mr. Allen.

Genussmittel

Mai 4, 2020

Wochenstart ist nicht immer einfach (vor allem für die schulpflichtigen Mitbewohner). Meistens helfen zumindest mir zwei Bilder: die Freude über die grafische Nähe von Laugenbrezel und Espressobohne (morgens), sowie der Blick ins Bastel-Chaos (anschließend).

Allesamt großartige Genussmittel, aber auch wichtige Zutaten während der aktuellen Vorbereitung eines Duo-Live Gigs mit Oliver Leicht (Stage@Seven, Livestream aus  dem hessischen Rundfunk, am kommenden Donnerstag 07.05. um 19h).

Um ein schönes Spagat hinlegen zu können, höre ich darüberhinaus lupenreinen „Frankfurt Sound“ aus dem Dorian Grey und die Konitz Alben „Motion“ (mit Elvin Jones) und „Lee Konitz with Warne Marsh„.

Dann habe ich ja auch noch die „Crown Albums List“ (aus dem Penguin Guide to Jazz) entdeckt, aber die schaffe ich heute nicht mehr… vor allem weil ich für die Kinderabteilung noch was Erheiterndes prüfen will, die Taxi Geschichten von Saša Stanišić.

 

Schluck!

April 10, 2020

Gestern Nacht, raus aus dem Proberaum, rauf aufs Rad – ganz schlapp und erschöpft.
Fühle mich gar nicht gut, als ob das Corona Virus anklopfen würde.

Später dann im Schlafsack erahne ich den tatsächlichen Grund. Die erste Semester-Woche hatte es in sich: Zeitraubende Technik-Vorbereitungen, Termin-Jonglagen, Bandbreiten-Deals (denn hier im Camp finden noch ein weiteres Netz-intensives Home Office und diverse Online-Zock-Meisterschaften statt), immer wieder Mutes & Glitches („Ihre Verbindung ist instabil“) und mehrfach wiederholte Sätze. Vorbereitung, Nachbereitung – gefühlt der dreifache Aufwand für einen ohnehin prekär bezahlten Hochschuljob. (Apropos Einkommen, nebenbei wollen selbstverständlich auch noch all die Anträge gestellt werden.) So entstehen ein unschöner Druck auf den Ohren (weil der HD25 nämlich gar nicht mehr abgesetzt wird) und diverse Verspannungen (weil der Laptop-Standort bzw. dessen Kamera wohl doch nicht ideal positioniert wurde). Über allem schließlich die enttäuschende Gewissheit, gleichzeitig bzw. ZUSAMMEN Musik zu machen wird nicht funktionieren. Also dann, Online Jammern anstatt Online Jammen…

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Doch ist der Frust erstmal draußen, taucht, wie immer im Leben (Stichwort Balance), der schöne Gegenpol auf. In dem Fall die Studierenden selbst. Die sind klasse! Computertechnisch fit, ultraschnell auf all den verschiedensten Gerätschaften und im Kopf. Vorbereitet. Vor allem motiviert und positiv gestimmt. Und selbst wenn ihnen die ein oder andere dunkle Gedankenwolke manchmal die Sonne nimmt, wird’s einfach ausgesprochen und zack wieder deutlich heller.
Darüberhinaus gefällt mir als neugierigem Wesen der Videoeinblick, der meinem bisherigen Bild weitere Puzzlestücke liefert: viele Studenten sind wieder im elterlichen Hafen und chatten aus ehemaligen Jugendzimmern, manchmal gar in familiärer Runde, manche sind ausgehfertig rausgeputzt, andere zeigen kein Videobild (wegen schlechtem Netz oder weil im Schlafanzug?), manche sind im studentischen Zuhause oder halt im Quarantäne-Hotel in China. Jeder für sich authentisch und irgendwie gar nicht weit weg. Und so krass und überraschend der Virus unseren Alltag in Schranken verwiesen hat, entsteht plötzlich eine andere, aber gute Nähe – ein ungefährliches Zusammenrücken, bekräftigend und zuversichtlich:
Hey, bald trommeln wir wieder gleichzeitg. Hurra, das wird toll!

Und weil ich das Bett zu meiner Wiederherstellung eigentlich gar nicht verlassen wollte, habe ich stundenlang geschlafen, aber auch gelesen und dabei mit Sasa Stanisics „Fallensteller“ die beste Kurzgeschichte ever erwischt.
Hach, wie gut! Fühle mich auch deutlich besser und hole mir mit >>Gepäck voller Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei<< (Fallensteller, S.340) gleich den Mixer aus der Küche (-> next post) und den Bass aus dem Schlafzimmer…

 

Hört auf zu streamen!

April 9, 2020

Viele interessante Denkanstöße, die Uwe Mattheiß Anfang April für den Wiener Falter niederschrieb:

>>Beobachtet eigentlich jemand, was aus der ganzen schönen Kunst wird, wenn sie in die Körperlosigkeit des digitalen Vakuums entweicht? […]
Es geht um einen reflexiven Gebrauch, der Medien nicht einfach verwendet, sondern als Material begreift. Als eines, das Inhalte nicht nur transportiert, sondern auch transformiert. Medien haben eigene Spielregeln und auch eine Botschaft – sich selbst.<<

das Tun, nicht das Warum

April 6, 2020

Danke Saša, trefflicher könnte ich meinen künstlerischen Antrieb nicht formulieren. Auch nicht den Erklärungsversuch, warum es letztlich funktioniert, mit dem authentischen Tun andere Leute zu erreichen (und davon Leben zu können).

>>Weich und harmonisch – die Alte scheint gutgelaunt – türmt das Geläut sich über Fürstenfelde. Das ist dein Sohn, Johanna, und wir wissen, er wird die Prüfung so was von bestehen, nein, das wissen wir nicht, wir würden es ihm aber gönnen. Es ist doch fabelhaft, sich zu beweisen in Tätigkeiten, die keinen Nutzen haben. Es sollte uns sowieso immer um das Tun gehen und nicht um das Warum, und das mit dem Nutzen – wer mag überhaupt beurteilen, was einen hat und was nicht?<<
Saša StanišićVor dem Fest“ (Seite 303)

>>Anna, Einteiler, Schwimmkappe, der breite Rücken, schön wie alle konzentrierte Menschen schön sind, ein wenig wie eine Profi-Schwimmerin vor dem Start. Wir sind entschlossen, entspannt, entrückt.<<
Saša Stanišić „Vor dem Fest“ (Seite 313)

Wirklich schade, dass das tolle Buch nun ausgelesen ist.
Auf der anderen Seite kann ich mich jetzt gelassen in die Zeit-Online-Lesung (mit Dir und dem charmanten David Hugendick)  fallen lassen und Deinen ausgewählten Passagen lauschen.

 

Nonkonformismus

April 5, 2020

>>Ende Juni 1996 saß ich im Londoner Wembleystadion, als mein Telefon klingelte. „Dany hier“, sagte eine Stimme. Dann redete ein Mann eine Viertelstunde volle Pulle über die Fußball-EM und die taz und die Weltlage, und nachdem er endlich aufgelegt hatte, dachte ich: Was für ein Dany? Ich kenn’ gar keinen Dany.<<
So beginnt Peter Unfrieds toller Geburstagslobgesang auf Daniel-Cohn Bendit.

Natürlich lege auch ich sämtlichen „Lovely Days“ auf, die mein Provider so ausspuckt* (für die angemessene Verabschiedung verlinke ich auf Ali Neanders FB Post) und versuche immer wieder einen solchen hinzubekommen…

*letztlich ist es doch die Original-Version,
weil sie mich an eine tolle WG-Party in der Reuchlinstraßen erinnert und
weil ich den Drummer Alvin Taylor überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Und
weil schließlich der Beginn des Modern Drummer Interviews mit ihm bestens zum Anfang dieses Beitrags passt:
>>Playing with Little Richard was one of the greatest thrills of my life. I’ll never forget being a busboy at the Biltmore Hotel in Palm Springs, California, and the owner allowing me to play with the band called the Soul Patrol […] and in walked Frank Sinatra, Little Richard, Sammy Davis Jr., and Billy Preston. I knew who Sammy Davis Jr. and Frank Sinatra were; I had no idea who Billy Preston and Little Richard were. But Little Richard was very excited, and he came in the dining area where I was unloading dishes. He was screaming and yelling, and saying, “Oh, my God, I never heard a drummer like you since I left Macon, Georgia. Honey, when I heard you play, it made me scream like a white lady!” He asked me right on the spot if I would be his drummer. I was kind of dumbfounded. I was only thirteen years old at the time, and had no idea who he was.<<