Archive for the ‘Architecture’ Category

draußen, drinnen, elektrisch

November 5, 2018

I. Landläufig werden die Wörter „Hall“ und „Echo“ gerne unterschiedslos verwendet, dabei  ist das das Echo ein Naturphänomen und meint die Wiederholung(en) eines Klangs („Wer ist der Bürgermeister von Wesel  -esel…esel“), der natürliche (Nach)Hall hingegen besteht aus Reflexionen in geschlossen „Räumlichkeiten“ (vom Auto bis zur Kathedrale).

II. Strom, Schallaufnahmen, Rundfunk – eine Collage*

>>…In the beginning of electric recording around the mid-twenties, recorded reverb was essentially the audible byproduct of a physical distance between a sound source and a microphone. Record companies sought out appropriate rooms for a desired effect. Right from the outset of early recording, those early pioneers were already working with mic placement and rooms for a desired effect<< (1)

>>But recorded music’s rise in popularity brought with it the question of how to recreate the sound of physical space.<< (3)

>>1928 schrieb die Times, dass aufgrund der neuen Forschungen die Konzepte von Sende- und Empfangsräumen neu überdacht werden müssten. Wegen der typischerweise kleinen Wohnungen der Rundfunkhörer könne da kein Hall erzeugt werden.<< (4)

>>One of the first documented uses of natural reverb to intentionally enhance a recording was by engineer Robert Fine, who introduced ambient mics on some of the early “Living Presence” recordings on Mercury Records.<< (2)

>>Countless methods emerged, some ingenious. That ghostly sound of Robert Johnson’s recordings? He sang and played guitar while sitting in a chair facing a corner of the room (the technique is called „corner loading„)<< (3)

>>Bill Putnam converted his studio’s bathroom to create one of the first purpose-built echo chambers, placing a speaker in one corner and a microphone in another, and mixing the sound with a live recording.<< (2)

>>Guitarist Duane Eddy used a 2,000-gallon water tank from a scrap yard, placing a speaker on end of the tank and a microphone on the other. Capitol Records built its concrete echo chambers 30 feet beneath its studio.<< (3)

>>None of those solutions are particularly portable, which in itself presents a problem that various contraptions sought to correct. There was the widely used EMT Reverb Plate [dt. Hallplatte] for instance, and much less-used oil can delays. Tape delay devices such as the Echoplex and the Roland Space Echo derived from the „slapback“ echo technique made famous by Sam Phillips at his Sun Studio. Essentially a tape machine with two playback heads, one that repeats milliseconds after the first, it defined the sound 1950s rock and roll. Along with Chet Atkins, it was Elvis’s guitarist, Scotty Moore who brought artificial reverb out of the studio and onto the stage<< (3)

>>Another technology that emerged during the ’50s was spring reverb (dt. Federhall).<< (2)


>>The advent of digital technology in the late ’70s and early ’80s changed the face of most things audio-related, including reverb. Digital reverbs made it possible to create “programs” that emulated the natural ambience of any space<< (2)

>>with artificial reverb, studio engineers could bend reverb to their will. Often they did so to mimic the sounds of great concert halls and cathedrals, but for some, artificial reverb allowed them to become the virtual architects of spaces that could never exist in the real world. They could create the aural equivalent of M.C. Escher drawings.<< (3)

III. Heute
>>Heute passt das Äquivalent eines Studios der vergangenen Jahrzehnte in einen einzigen Laptop hinein. So bemerkenswert praktisch das auch ist, es inspiriert das eigene Schaffen sich daran zu erinnern, dass die aktuellen Audioprogramme und Plattformen nur einen Teilschritt einer Entwicklung darstellen, die fast 100 Jahre zurückreicht.<< (5)

*
(0) = https://www.uaudio.de/blog/emt-reverb-history/
(1) = https://www.uaudio.de/blog/the-basics-of-reverb/
(3) = https://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2012/06/how-humans-conquered-echo/258557/
(4) = https://de.wikipedia.org/wiki/Nachhall
(5)= https://www.ableton.com/de/blog/studio-as-an-instrument-part-3/

Betonperle

Dezember 18, 2017

Der Begriff Brutalismus hat nichts mit Gewalt oder Brutalität zu tun. Er bezieht sich auf  béton brut, den französischen Ausdruck für Sichtbeton, und steht für jene expressive, experimentelle Betonarchitektur zwischen 1953 und 1979.

Dass zu diesem Thema nun im Frankfurter Architekturmuseum ein umfangreicher internationaler Überblick zusammengestellt wurde, läuft mir sehr gut rein. Denn seit Jahren schon erfreue ich während unserer Osteuropa- und Russland-Tourneen an jeder einzelnen Betonperle! Ehrlich gesagt, bereitete ich mich bisher immer gerne mit einem Blick in den Bildband von Frédéric Chaubin auf anstehende Touretappen vor.
Aber schon ein kurzer Blick ins Buch zur Ausstellung, bzw. ins darüber berichtende Feuilleton, sowie die Rettungsaktion #SOSBRUTALISMUS zeigen deutlich: die eindrucksvollen Betonmonster gibt es überall auf der Welt.

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Zufälligerweise hat der tolle Laurenz Theinert heute das passende Foto einer Segelschule aus der Schweiz gepostet, die perfekte Art von Mikro Brutalismus, die mich vermutlich angenehm träumen lässt!

PS. dieser Beitrag widmet sich nicht nur dem eklektischen Stil-Mix, der Wagemut und  eine Blütezeit der Kreativität dokumentiert, sondern trainiert auch meine Rechtschreibung. Denn eigentlich schreibe ich seit der Grundschulzeit das Wort Beton immer wieder so, wie man es spricht – mit einem abschliessenden „g“.

PPS. hey Moritz, ein gemeinsamer Museumsbesuch wäre doch (das) perfekt(e Weihnachtsgeschenk für Dich)! Also, sag an, wann du vor dem 02.04.18 mal wieder in Frankfurt bist – bis dahin kühle ich auch ein Fläschchen Champagner mit der Aufschrift „brut“…

Scheiben von Klassikern abschneiden

September 7, 2017

Es gibt den Ulmer Hocker, den Barcelona Chair und seit gestern reiht sich nun auch ein Frankfurter Stuhl in die Liste der Stadt-Sitzmöbel ein. Diesen durfte man sich beim „Soft Opening“ des Pop Up Monument des Jüdischen Museums selbst zusammenbasteln. Für die kommenden zehn Tage des Festivals wird er dort als Sitzgelegenheit genutzt, danach kann er abgeholt und als persönlicher Klassiker funktionieren.

Jetzt nach Stuttgart. Direkt in einen Probemitschnitt des Radio-Sinfonieorchesters, wo Debussys „Prélude“ von Georges Prêtre dirigiert wird – besser gesagt: gesungen, getanzt und gemalt wird. Er agiert äusserst liebe-und humorvoll und setzt dennoch ganz klar seine Vorstellung um.

Frankfurter Küchen

August 24, 2017

Unsere Küche ist seit geraumer Zeit – renovierungstechnisch bedingt – nur teilweise nutzbar. Da sich die Camping-Vibes im Sommer aber nicht so falsch anfühlen, bereitet der Umstand keine wirklichen Probleme. Zudem bieten Chaos und anschließende Neordnung ja auch Chancen.
Und so beugte ich mich für eine kleine Inspirationsspritze gestern über die Idee der Frankfurter Küche (aus dem Dumont Reisetaschenbuch „Frankfurt am Main“):

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Die Ideen der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky gefallen mir gut: erstmal mit der Stoppuhr in die Küche (um die Laufwege des Kochs optimieren zu können), anschließend das auf 6,5 Quadratmeter ideal angeordnete Mobiliar fliegenfeindlich blaugrün tünchen.

Fazit: Mein Schlagzeughocker hat ab sofort einen neuen Abstellplatz. Und zukünftig wird auf Freiluftkonzerten nur noch mit dem türkisfarbenen Lenny-White-Superstar-Set getrommelt. (Dass ich mich für die Stoppuhr – für genau bemessenen 25s Espressoauslauf – nicht mehr schämen muss erwähne ich mal in Klammern).

Tourleben

Februar 28, 2017

Es ist Karneval, also denke ich an Brasilien. Netterweise spielt mir taz mit dem Artikel „Freude am Vögeln, tosende Stürme, wirbelnde Percussion“ die perfekte Reiselektüre/Unterwegsmusik zum Touraufstart zu. Es geht um die künstlerische Tropicálismo Bewegung (1967-72), die vor 50 Jahren in Brasilien ihren Anfang nahm.
Ergo spült mir Youtube José Mauro, Pedro Santos & co in mein ukrainisches Hotelschiff und ich tätige letzte Vorbereitungen (suche zum Beispiel nach einer Touch OSC Alternative zur Smartphone-Fernsteuerung von Logic – vielleicht die Logic App?).
Bis gleich in der „Freedom Hall“ von Kiev.

Der Nachtzug ist der Nightliner Osteuropas. Immer wieder abenteuerlich und irgendwann dann auch schlafen à la Mutterbauch. Beim morgentlichen Blick aus dem Fenster überraschte mich der viele Schnee, auch die Autos in Charkiw tragen noch Spikes – anyway, die Sonne wärmt und es ist ganz klar März.

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Voller Eindrücke höre ich nun das neue Thundercat Album („Drunk„), den FB-Tipp von Hans Nieswandt (Kevin Ayers „Song for Insane Times“),

aber auch Bill Evans über „the Creative Process, Self-Teaching, and Balancing Clarity with Spontaneity in Problem-Solving“ und stolpere dabei über Albert Einsteins Brief an seinen elfjährigen Sohn, in dem er ihm rät: >>Spiel auf dem Klavier vor allem solche Stücke, die dir gefallen, auch wenn der Lehrer sie dir nicht aufträgt. Das ist die Art und Weise am meisten zu lernen, nämlich indem du etwas mit solch einem Vergnügen tust, dass du nicht bemerkst, wie die Zeit vergeht.<<

Das Hotel am Zirkus erinnert mich an viel interessante Sowjet Architektur in Dnipropetrowsk und Marcus erzählt mir bei einem kühlen Borjomi von Freddy Crump, einem >>top-notch artistic show drummer<< anno 1929 (aus dem  „Harlem Mania“ Short):

Mit „Sneakers for free“ bewege ich mich in Richtung Soundcheck.

Die Busfahrt nach Odessa zieht sich 13 Stunden lang. Aber sie führt über die legendäre Staudammmauer („DneproGES“) bei Saporischschja und durch die beeindruckend große Kornkammer.
Hermann zeigt mir die perfekte Reise-App „Wake me here (lite)“, einen ortsbezogenen Wecker, der mich zukünftig fernab von Tourbuch-Schätzungen und Fahrplänen realitätsnah wecken wird.
Und die frühlingshafte Soundflower (Software) hilft mir Audiomaterial aus Rechner intern aufnehmen zu können.

Heute ist Offday, sprich: viel schlafen, spazieren, lauschen…

… und mit Bassmusik durchs Hotelzimmer tanzen!

Es ist Sonntag und wir geben wieder mal ein Konzert in der wunderschönen Philharmonie Odessas. Ich mag die Location, nicht nur wegen dieser paradoxen Anekdote:
>>It is an enduring myth that everyone in the city knows (and continues to promulgate) that since the building was originally designed as a Stock exchange rather than a concert hall it was made to be sound-resistant, rather than sound-conducting, in order to provide more privacy to visitors.<<
Dennoch verhallt Moritz meine Timbale heute nur mit vier (anstatt fünf) Sekunden…

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Hier in Odessa präsentiert jeder zweite, geöffnete Kofferraum eine verheißungsvolle Espressomaschine, ich spaziere zum Meer und fahre Oberleitungsbus, zur transformierten Lenin Statue – die helle Seite der Macht! (28 Stovpova Street).
Und unter der Gedächtnisstütze „die Seidenraupe“ verankere ich die absurd-wie-höchtsmenschliche Filmdoku „Searching for Sugar Man“ (die sich gerade in der Arte Mediathek – am besten ohne Vorwissen – anschauen lässt).

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Foto von Ilya Khmyz aka xmz

Minsk – Hut ab! Danke.

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Tourgespräche

Februar 2, 2016

Markus Vieweg ist eigentlich Bassist (der Band Glasperlenspiel), aber auch ein Internet-afiner Mensch. So er hat er mit den von Apple bereitgestellten Tools ein von der Kritik gefeiertes Bass-e-Book veröffentlicht und mit seinem Blog „Tourgespräche“ eine Alternative zum klassischen Musikerinterview geschaffen. Gut vorbereitet und mit viel Zeit finden Unterhaltungen – vornehmlich mit Akteuren aus der zweiten Reihe des Showgeschäfts – jenseits der Langeweile längst bekannter Eckdaten und Fakten statt und werden zu einem anderthalbstündigen Podcast zusammengeschnitten.

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Wir trafen uns neulich zwischen Soundcheck und Festivalauftritt in meinem Mainzer Hotelzimmer und sprachen bei Kaffee und Kuchen über:

FOH, Mad ProfessorHeimstudioKompressormaske, Squarepusher, Bedroomproducer bzw. Zufall als neue Bestimmung, Jojo MayerVom Zitat zum Ich, Zuspieler, der „Sack um die Snare“, Echodrums, Solo-Performancesimulierter Aux-SendReverb Shots, Laurenz Theinerts Visual Piano zu meinen Organic Electro Beats 2003, Bandmensch, Rubo(W)ölpl aka (W), Aufwand und Slayer-Set auf der IAAB-Keeper/BeatSeeker, >>Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile<<, selbstgebaute „Playstation“, Cover-Mukke, das persönliche innere Tempo, Interaktion dank Blog, Lesen, Cafè, Tour Catering, Netzer, nur einmal laufen!Fragebogen aus den Tagebüchern von Max Frisch

… und dabei hat mich einiges „umgehauen“…

 

 

Aussicht gefällt mir

Dezember 13, 2015

Meine Woche wurde von architektonischen Aussichtsplattformen umrahmt: Burj Khalifa in Dubai, die vermeintliche Hammelburg (leider ohne selbige), sowie zu guter letzt Rem Koolhaas‘ Casa da Música in Porto.
Und übrig bleibt die Aussicht auf einen gemütlichen Jahresausklang!

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Hobbies?

Juni 17, 2015

Wenn einen das liebste Hobby tagtäglich als Beruf begleitet, wird’s a bisserl schwierig, dass sich Lust und Zeit für weitere Steckenpferde aufdrängen.

OK, gekickt habe ich immer leidenschaftlich gerne, auch intensiv – jedoch habe ich vor wahrscheinlich 22 Jahren aus Angst vor Verletzungen das regelmäßiges Spielen mit raubeinigen Freizeitmanschaften geknickt. Schön, dass jetzt Schulhof-Kinderfussball (1) häufig auf dem Nachmittagsprogramm steht.
Die Qualität des Lesens (2) wurde mir glücklicherweise durch den Zeitgewinn der nicht-selbst am-Steuer-sitzenden Anreise nahegebracht – für mich das perfekte Tool um gleichermaßen runterzukommen und inspiriert zu werden. Ausstellungen (3) wirken ähnlich.
Aber seit diesem Jahr türmen sich verschiedenste neue Hobby-Wünsche förmlich auf:
sicher mit dem Longboard (4) zu fahren, das Gleichgewicht auf dem Indo-Board halten zu können – surfen wäre natürlich auch grandios -, Kunstsprünge (5) im Freibad, guten Espresso zu kochen und elegante Milchbilder malen zu können (6); eine Slack-Line (7) für den Park, mal mit einem Tandem radeln (seit ein Mitbewohner ein Rennrad-Tandem ins Haus gebracht hat), eine Mofa-Sattel ans Fahrrad (8) zu basteln (auch ’ne Art Zweisitzer), gute Übergänge und tolle DJ-Sets zu schaffen, diese am besten über ein richtiges Soundsystem abzufeuern (9), Schlagzeug-Instrumente und -Bücher (10) zu erfinden…
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Wie geschickt, dass doch bald Sommerferien sind.

Loch ist immer gut

August 6, 2014

Die taz zitiert heute auf ihrer Titelseite Kurt Tucholsky in Bezug auf Stuttgart 21, die Textstelle passt aber auch sehr gut zum modernen Schlagzeugspiel, wo anstelle eines Fill Ins gerne auch mal ge-mute-t wird:

>>Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: Es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden.

Loch ist immer gut.<<


welch schönes Loch von Gordon Matta-Clark

Der Drum Break

Juli 3, 2014

Diedrich Diederichsen über den den Drum Break:

>>Am Ende einer Periode, am Ende einer der üblichen, meist standardisierten Taktmengen hören alle Instrumente auf zu spielen und überlassen den frei gewordenen Raum dem Schlagzeug – oder den Programmen und Instrumenten, die an seine Stelle getreten sind.<<

>>Während es so fließt, geht beim Break eine Tür auf und der Hörer befindet sich in einem ganz leeren weißen Raum. Dieser Raum wird jetzt aber so schnell so voll gepackt wie möglich. Es ist, als wüsste man nicht, dass der stille, leere, beunruhigende Raum wieder in das Zeitkontinuum aufgelöst wird und das Leben weitergeht. Es gilt, sich der Todesdrohung des nicht weitergehenden Grooves, des plötzlich sich auftuenden Lochs fehlender Herzschläge zu stellen. Das können aber nur der Schlagzeuger oder mehrere Schlagzeuger und Perkussionisten – die Spezialisten für Schläge, für zu findende und ausbleibende.<< „Über Pop Musik“ (Kiwi 2014, Seite 328f)