Archive for the ‘Art’ Category

Ambassador des Gesamtklangs

Mai 30, 2022

Kaum ist man wiedermal unterwegs, türmen sich spannende Themen in der Smartphone-Fotoecke auf. (Jeglicher Inspirationsfetzen wird abfotografiert; Social Media Beiträge, Buchseiten, Spotify-Highlights…)

Jost Nickel fragte seine IG-Blase nach Songs mit Tom-Grooves, ich habe daraus gleich eine Spotify-Playlist gestrickt (weil mir das Thema auch am Herzen liegt, siehe The Four Tom 🙂


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Ich spreche gerne über die Notwendigkeit unserer (Lautstärke- und Feel-) Balance hinterm Kit, über das Blending der verschiedenen Instrumente. Russ Miller nennt es „our mix“:

Zur besten Überprüfung: Kunstkopfmikros in die Ohren oder ein Stereopärchen in ähnlicher Position aufstellen – aufnehmen. Das bringt’s bzw bringt mich einem meiner Ziele immer wieder näher, irgendwann den Credit „Ambassador des Gesamtklangs“ mitzuführen…

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Während meiner Zugfahrten bin ich in den dicken Ziegel „Dilla Time“ eingetaucht.
Toll, zum Buch gibt es eine begleitende Playlist. Noch toller, der Inhalt mit so vielen (mir neuen) Details und Zusammenhängen. Große Inspiration!

Weil nicht in obiger Liste vorhanden, hier die erste VÖ des Meisters, 1st Down „Front Street“ (1995)

>>James loved making music on machines, but he understood by now that music lost something when the machines took over: the unpredictability of a human playing an instrument that told you it was a human being playing it. It was, after all, why producers looped breakbeats: to bring the ghosts of real drummers into their machines. There was no way a drum machine could re-create the subtle playing of Clyde Stubblefield’s performance on „Funky Drummer“<<
Übrigens, bevor sich J Dilla schöpferisch hinter die Maschinen (Sp-1200, Akai MPC) konnte, war das sogenannte „pause tape“ ein erschwingliches DIY-creative-tool und auch seine Wahl Beats zu bauen.

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Obwohl ich letzte Woche einiges vorzubereiten hatte – die Nils Wülker Best Of Show mit vielen Gästen und das Luminos W Konzert mit Gästen – bin ich endlich mal zum Ernst May Musterhaus geradelt. Quasi um die Ecke meines Proberaum, war es längst an der Zeit. Und auch hier wirkte die (100 Jahre alte) Klar- und Kompaktheit des Wohnungsbauprogramms „Neues Frankfurt“ äußerst inspirierend. Nicht zu Letzt die dafür geschaffene legendäre Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Die grundlegende Idee dieses Arbeitsraum kann übrigens eins zu eins auf Drum Setup übertragen werden: kurze Wege, die die Energie des Schaffenden fürs Wesentliche erhalten, blau-grüner Anstrich, um Fliegen zu vermeiden…

Und ähnlich bunt wie die Farbgestaltung im Ernst May Haus, wird mein Juni 🤩

02.06.22 „Der temporäre elektronische Salon feat. Hans Glawischnig“ Frankfurt, Yachtklub
03.06.22 „Netzer“ Stuttgart, Bix
04.06.22 „the beat goes on“ mit DJ Michael Rütten“ Offenbach, Filmklubb
09.-11.06.22 Backbeat Drum Festival, Vogtsburg im Kaiserstuhl
16.06.22 „DePhazz“ Frankfurt, Fortuna Irgendwo
17.06.22 „DePhazz“ Koblenz, Festung Ehrenbreitstein
19.06.22 „Gregor Praml trifft Oli Rubow“ Frankfurt, Mousonturm
26.06.22 „Fola Dada“ Kirchheim u. Teck, Bastion
30.06.22 “Der temporäre elektronische Salon“ Frankfurt, Ono2

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>>Die Zukunft, die wir wollen,
muss erfundenwerden.
Sonst bekommen wir eine,
die wir nicht wollen.<<
Joseph Beuys

Das große Beginnergefühl

Mai 16, 2022

In der taz wird ein vielversprechendes Buck von Robert Misik vorgestellt,
Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution“ (Suhrkamp). Allein bei dem kleinen Auszug komme ich aus dem Kopieren toller Textstellen kaum raus…bzw. verhedere mich angenehm im Mitdenken und dem Transfer auf die Trommelkunst.
Gleich bei dem Picasso-Zitat kommen mir all die Weckls in den Sinn, die sich einem anspruchsvollen technischen Neubeginn gemäß der Instruktionen von Freddy Gruber verschrieben haben.
>>Ich sah, dass alles getan war. Man musste sich überwinden, eine eigene Revolution vollbringen und bei null beginnen<<

Bei dem Satz >>„Es braucht die große tabula rasa, auf der man spielt, das beginnergefühl“, notiert Bertolt Brecht in sein Arbeitstagebuch. Die moderne Kunst war immer Schrittmacherin des Fortschritts, weil sie neue Wahrnehmungsformen durchsetzte.<<
setze ich mir direkt wieder die Kopfhörer auf, um in die Welt jener sagenhaften Post-Disco Dub-Mixese einzutauchen, die mich heute Nacht erst zur Mondfinsternis ins Bett gehen ließ.

>>Die Motive der Kunst sind: Nicht das „falsche Leben“ führen, sondern das „Eigentliche“, was immer das ist. Nicht im Konventionellen verharren, sondern neue Bildsprachen, Erzählformen entwickeln. Auch, die Wut rauslassen.<<

Zu guter Letzt noch ein potentieller Motto-Kandidat für die erste Seite meines neuen Buches:
>>„Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ‚unübersteiglichen Schranken‘, die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen“, notiert die phantastische Lou Andreas-Salomé <<

Kunst auf/mit Papier

Mai 13, 2022

Habe heute in der „Le Monde diplomatique“ Marion Eichmann entdeckt, die wunderbar mit der Schere zeichnen kann. Kurz darauf kam Luise Emilie mit ihrem Print vorbei. Hey, ein kunstvoller Freitag!

lautlos

April 23, 2022

Ein Gedicht über den Ukrainekrieg von Dmitri Strozew, der als Dichter und Oppositioneller eine bekannte öffentliche Figur in Belarus ist. (aus der heutigen taz am Wochenende)

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Goya
hat zwölf jahre lang
das unheil des krieges dargestellt
in seinen radierungen

um der welt zu zeigen
wie im zorn sich das volk erhebt
wie brutal die napoleonischen soldaten wüten
wie das belagerten Madrid hungert
wie furchtbar die niederlage ist

damals gab es die fotografie noch nicht

Picasso
hat zwölf stunden am tag gearbeitet
und nicht einmal einen monat gebraucht
um im stil des monumentalen kubismus
ein riesiges bild
für die weltausstellung in Paris zu malen
über die tragödie des krieges in Spanien

um in die welt hinauszuschreien
seht wie die legionäre der faschistischen luftwaffe
Guernica bestialisch bombardieren
wie tausende bomben abgeworfen werden
wie tausende menschen unter den trümmern sterben
wie drei tage lang das feuer wütet

damals gab es das internet noch nicht

heute übertreffen
anonyme zeugnisse des krieges
dokumentarische fotografien und videos
die künstlerischen äußerungen
tauchen augenblicklich in facebook und auf youtube auf

in den smartphones sieht man
die ukrainischen städte und vororte brennen
leichen wochenlang auf den straßen liegen
zerstörte panzerfahrzeuge sich zu pyramiden türmen
russische mobile krematorien herbeieilen

was bleibt dem dichter
als der welt
lautlos namen zuzuflüstern

Butscha
Irpin
Borodjanka
Kramatorsk

Ukraine

9. 4. 2022

April in Paris

April 20, 2022

… ist großartig.

Die Stadt schmeckt wunderbar (1) und fühlt sich entspannt an (2) – dank ihrer Größe (3), wie ein sicherer Hafen, dank der Sonne und Metro-Surfen wie Urlaub am Meer.
Und so viel Kunst, Architektur und gute Gedanken (sprich Inspiration).
Oh man, wie konnte ich nur so lange Paris-abstinent sein?

Gestern las ich folgende Stelle in „Die Erfindung des Countdowns“ (Seite 110)
>>Einmal hatte einer einen anderen verpetzt, als der während der Klassenarbeit heimlich in sein Buch geschaut hatte. Hermann hatte nicht eingegriffen. Es komme nicht darauf an, wie viel Wissen einer herumschleppe, sondern was man damit anfangen könne, hatte er gesagt. Er selbst habe früher als Schüler oft Fragen zu historischen Jahreszahlen nicht beantworten können und dann habe es Schläge mit dem Rohrstock gesetzt. Und was habe ihm das gebracht? Nichts außer ein paar blauer Striemen. Seinetwegen könne jeder gerne seine Bücher benutzen, hatte er erklärt und sofort hatten die
Schüler in ihren Taschen gekramt.<<
und dachte dabei, dass mir Wissen dabei hilft, mich zu positionieren bzw. meine „Reiseroute“ zu entwickeln. Vor allem, dass mich das selbsttätig katalogisierte Wissen weiterbringt, sprich: persönliche Bestenlisten.

In diesem Sinn reihe ich einfach mal die tollen Entdeckungen aneinander, für mein nächstes mal oder für Dich:
(1) das siebtbeste Croissant (Carton, am Gare Du Nord), der Caramel-Eclair von Stohrer, die DePhazz-Gedächtnis Île Flottante (leider verpasst), European Coffee Trip (eh klar) und Haribo Orangina PIK…
(2) Rodin Museum (Außenbereich), 5 Freiheitsstatuen, der schönste Basketballplatz der Welt
(3) von hier aus gut zu ermessen: Sacré-Cœur, Eiffelturm Top Floor, Centre Pompidou Rolltreppe
(4) leider nicht genug Platz für Details…

Nach diesem schöne Foto von Andreas Neubauer, nächstes unbedingt dann auch in die Baguetterie!

viel electrica salsa

April 14, 2022

hey, ich war heute in der Musikhochschule, im neu eröffneten MOMEM (dem Frankfurter Museum für Elektronische Musik), bin beim Mithören quer zum Ableton-Artikel über Paradox (jenem Breakbeat-Meister, der A schon ein fettes Feature im Schlagzeugmagazin bekommen hatte, ohne jemals einen Drumstick gehalten zu haben und B ganz klassisch mit Commodore Amiga plus Akai S32000 Sampler produziert und sich damit auch auf der Bühne stellt!) tief in Drum’N Bass Beats versunken…sprich, pausenlos tolle Musik!
Doch der schönste und alles übertönende Nachklang kommt vom gestrigen Geburtstagsfest:

Um all die Eindrücke zu einer stimmigen Botschaft zu verdichten, lege ich Joo und mir ein Ständchen zwischen die Lippen, packe einen Paradox-Break und etwas Kulturatmo aus dem Museum darunter…
und wünsche Dir, lieber Hellmut, alles Liebe und uns noch viel gemeinsame „electrica salsa“!

The Creative Act

April 9, 2022

Für Marcel Duchamp ist das Publikum, welches er als „Zuschauer“ und „Nachwelt“ begreift das notwendiges Bindeglied zwischen Künstler und dessen Werk. Es lässt ein Werk atmen

1957 sprach Duchamp auf der Convention of the American Federation of Arts in Houston. Lasst uns reinhören (bzw. mitlesen) in seine Vorstellung des kreativen Akts!

»All in all, the creative act is not performed by the artist alone; the spectator brings the work in contact with the external world by deciphering and interpreting its inner qualifications and thus adds his contribution to the creative act.«

Sound Of Peas

März 29, 2022

Aristoteles’ These „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ kann man als eine Umschreibung des Begriffs Synergie auffassen. Eine solche fühlt sich nicht nur beim Musikmachen gut und richtig an, sondern aktuell auch in Bezug auf meinen Spendenschneeball:
In erster Linie wollte ich meinem persönlichen Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem unmenschlichen Kriegstreiben einfach irgendetwas entgegensetzen, um nicht nur hilflos Schreckensnachrichten zu konsumieren. Letztlich reicht dafür ja die Auslösung eines Rucks zur Überwindung.
Dann: machen! Und plötzlich merkt man, wie eine Idee zunächst von anderen goutiert, dann aber auch übernommen und erweitert wird. Und zack summieren sich die so entstehenden Einzelaktionen zu einer GANZ schön großEN Zahl (die sich mittlerweile kurz vor 10000 Euro eingependelt hat)!
Diesbezüglich kann ich mich nicht oft genug für’s Sich-Drauf-Einlassen und Mitmachen bedanken.
Es ist darüberhinaus immer wieder bemerkenswert schön, festzustellen, dass wir sowohl Sachen anpacken, für unsere Positionen einstehen, als auch Dinge bewegen können!
Aber, dass wir – im besten Luisa Neubauer Sinn* – dranbleiben müssen!

* >>Die Geschichte, dass wir einmal Menschen mobilisiert haben und die Politik davon jetzt jahrelang zehren kann, funktioniert ja so nicht. In dem Augenblick, in dem wir nicht mehr auf die Straße gehen, erwächst das Narrativ: Die Leute wollen es nicht mehr. Dem stellen wir uns ununterbrochen entgegen.<<

Angelehnt einen eine Konzeptkunst Anweisung von Yoko Ono baue ich mir deshalb heute einen politisch-konstruktiven Shaker und nenne ihn „Sound of Peas“.
Und die Anleitung dazu lasse ich auf eine Postkarte drucken:
a. damit ganz viele Menschen hoffnungsvoll Musik machen,
b. um weitere Spenden für die humanitäre Hilfe zu erwirtschaften. Sprich, für 3 Euro kannst Du bei mir nicht nur ein Sample-Tässchen bestellen, sondern jetzt auch noch diese Postkarte (mit persönlichem Gruß und Smiley). Überweise 3 € via Paypal an o@olirubow.de, hinterlasse mir dort Deine Adresse und ich schreibe Dir sobald das Material aus der Druckerei gekommen ist.

Flagge zu zeigen fällt mir schwer – ich möchte nicht ein ganzes Land und seine Bürger wegen einer mächtig verdorbenen Chefetage ins Abseits stellen, dennoch drängt’s mich zur Positionierung.
Dafür hilft mir der bei Yoko entdeckte Homophon (peace/peas). Dank der „Sounds of Peas“ erklingt Musik. Die Fahnen überlagern sich in schwarzweiß, wobei dringend benötigte Graustufen entstehen. Tatsächliche Farbe bringt die Erbse ins Spiel – sie verheißt Hoffnung!



kunstvolle Kleinspende

März 4, 2022

Eine schöne Empfehlung von Stefan Sagmeister: >>Polish designer Pawel Jonca created this excellent poster, one that works brilliantly with clichés, downloadable at the link below, all money goes to humanitarian aid for Ukraine. <<


Gegengewichte

März 2, 2022

Ich brauche das positive Gegengewicht. Gehe raus, in die Markthalle, zum Main, ins Museum. Dort gibt’s auf Anweisung von John Cage gerade den Museumcircle zu erkunden. Mit Respekt vor dem Meister (der an anderer Stelle so schön schrieb: >>eine Möglichkeit Musik zu komponieren: untersuche Duchamp<<), lasse ich den Zufall bestimmen und schlage vor Ort willkürlich zwei Bücher auf deren Inhalte nicht besser passen könnten.
Einmal John Cage selbst:
>>Inneres Ziel; in alle Richtungen gehen. * Entmilitarisierung der Sprache (keine Regierung) . * Eine Musik, die keine Probe braucht . * Die Füße auf dem Boden. * Alles in den Fluß bringen (Thoreau: Ja und Nein sind Lügen. Die einzig wahre Antwort wird alles in Fluß bringen). * Kunst ist Selbständerung. * Unmöglichkeit wiederholter Handlungen; Verlust des Gedächtnisses. Diese beiden zu erreichen, ist ein Ziel (Duchamp) Komplexität der Natur; die<<

Dann die erste Seite des berühmten Essays von Henry David Thoreau, 1849:
>>Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat
Ich habe mir den Wahlspruch zu eigen gemacht: »Die beste Regierung ist die, welche am wenigsten regiert«; und ich sähe gerne, wenn schneller und gründlicher nach ihm gehandelt würde. Wenn er verwirklicht wird, dann läuft es auf dies hinaus und daran glaube ich auch: »Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert«; und wenn die Menschen einmal reif dafür sein werden, wird dies die Form ihrer Regierung sein. Eine Regierung ist bestenfalls ein nützliches Instrument; aber die meisten Regierungen sind immer – und alle sind manchmal – unnütz. Die Einwände, die man gegen ein stehendes Heer vorgebracht hat und davon gibt es viele und gewichtige, die sich durchsetzen sollten -, können letztlich auch gegen eine ständige Regierung erhoben werden. Das stehende Heer ist doch nur ein Arm der ständigen Regierung. Diese Regierung aber, die nichts weiter als die Form ist, welche das Volk zur Aus- führung seines Willens gewählt hat, kann leicht mißbraucht und verdorben werden, bevor das Volk Einfluß darauf nehmen kann.<<

Aber auch für den Schlagzeugbereich habe ich etwas Schönes entdeckt, zwei top Fotos aus dem neuen Buch über Stewart Copeland „Drumming in The Police and Beyond“ (Hudson, 2021). Nämlich dessen aktuellen Delay-Aktivator und endlich mal die Abbildung eines fetten Basstrommel-Steins!

Schließlich noch ein kreativer Workaround von Abe Laboriel Jr. in puncto fehlendem/kaputtem Kick-Mic-Stand, die gute Klopapierrolle!