Archive for the ‘Attitude’ Category

die Absicht ist nie wichtiger als die Wirkung

Mai 2, 2021

Gerne gelesen, viel gelernt.
Der Roman „Identitti“ ist ein tolles Buch, das dringende Fragen verhandelt, wie
Selbstbestimmung, Sichtbarkeit, Postkolo­nialis­mus oder das Phantasma race, das >>nicht nur »da draussen« [ist], sondern »hier drinnen«: Es steckt in unseren Köpfen und Körpern und Seelen, ist so vehement Teil unseres gemeinschaftlichen Selbstverständnisses und staatlichen Handelns, dass genau das dringend nottut, was Saraswati [die zentrale Figur des Romans, eine gefeierte Professorin für Postcolonial Studies mit vermeintlich indischem Background] Decolonizing nennen würde<< (schreibt die Autorin Mithu Sanyal im Nachwort auf Seite 419).
Und die Geschichte – bewusst keine Essaysammlung, >>weil Identitätsfragen nicht durch Fakten und Daten beantwortet werden, sondern durch Geschichten<< – liefert viele kluge, schöne, helfende Antworten!

>>Also, Judith Butler sagt, dass das, was uns alle verbindet, unsere Verletztlichkeit ist. Menschsein hießt Verletztlichsein. Aber wir sind eben nicht nur im Schmerz vereint, wir sind auch in der Liebe vereint. Im Interesse aneinander, in Empathie und Anteilnahme. Wir alle sind dadurch alle. Wir alle sind viele. Wir alle sind alle Geschlechter, alle races, alle Klassen, alle Kasten, wir alle sin d ganz unreligiös das Wunder der Schöpfung, und als solches sollten wir zwischendurch ab und zu innehalten und den Schauer der Ehrfurcht vor unserer komplexen Existenz verspüren.<< (Seite, 416f)

Sorry, Kali! Aber mit abgeschlagenen Köpfen habe ich große Probleme, deswegen die Teetasse…

Arbeiterbewegung

Mai 1, 2021

Optionen!

April 28, 2021

Martin Verdonk ist so ein entspannter und großartiger Perkussionist, der mich immer wieder aufs Neue umhaut.

Blicke ich jedoch auf diese beiden Bilder aus den letzten anderthalb Jahren seiner IG Timeline, so erzählen sie eine eine krasse Geschichte für sich, einen Spannungsverlauf von Steve Gadd zur Supermarktkasse, der mich etwas mulmig fühlen lässt. Ich verneige mich direkt nochmals vor seiner pragmatischen und gar nicht hadernden Lösungsorientiertheit und hänge zudem den Kommentar von Luis Conte dran, an dessen „you will be back!“ ich nicht nur im Fall von Martin selbstverständlich glaube, sondern auch in Bezug auf einige andere Musikerfreunde, die während der Pandemie notgedrungen einen anderen Brotjob ausüben müssen:

>>you will be back! you are one of the greatest brother! ♥️♥️♥️🎼<<

Abschließend noch ein konkreter Hoffnungsschimmer aus Spanien, wo das Konzertexperiment mit 5000 Zuschauern nun äusserst positiv ausgewertet wurde.

Die Wissenschaft hat festgestellt…

April 7, 2021

… dass beim Üben unterschiedliche Methodiken greifen, dass es verschiedene Lerntypen gibt und beim ganzheitlichen Ansatz (nach Frederic Vester) die Lerneffektivität gesteigert werden kann, indem der jeweils richtige Wahrnehmungskanal (visueller, auditiver, haptischer, kognitiver) angesprochen wird.
Soweit, so bekannt.

Ich fasse diesbezüglich, aber konkret fürs Schlagzeugspiel, mal ein paar Impulsgeber zusammen:

Im aktuellen Ableton Newsletter „Neue Wege für die Skills“ beschreibt Rodi Kird (Direktor der Melodics Lern App) was hinter zielgerichtetem Üben steckt: >>Im musikalischen Kontext können wir uns die Übung als ständigen Spagat zwischen künstlerischem Ausdruck und wissenschaftlicher Strenge vorstellen. Zum besseren Verständnis gibt es zwei nützliche Konzepte – eines aus der Neurowissenschaft (Myelin) und eines aus der Psychologie (Flow). Beide Konzepte bilden zusammen einen umsetzbaren Prozess, der als zielgerichtetes Training bekannt ist.<<

Benny Greb hat in seinem Buch „Effective Practising for Musicians“ viele schlaue Gedanken und Tipps versammelt:
>>Self-discipline isn’t the opposite of freedom. It is freedom, because it gets you where you want to be.<< (Seite 45)
Stephan Emig bietet ein vielversprechendes Paket über die „Fünf Wege zu mehr Musikalität“ an, Claus Hessler hat Übepläne in seinem Klassiker „Daily Drumset Workout“ verankert. Und ich kombiniere („Das moderne Schlagzeugquartett„) das Zusammenspiel aus kleinem Happen – ein bis zwei auswendig getrommelte Rhythmustakte – und visuellen „cues“ bzw. Aufgaben.

das Reisen fehlt

April 5, 2021

>>…und dann ist für die Arbeit eben am Allerwichtigsten […] in einem Land zu sein, wo man die Sprache nicht versteht. Weil man ununterbrochen das Gefühl hat, die Leute sagen nur angenehme Dinge und reden eigentlich nur wichtige philosophische Sachen.<< Thomas Bernhard (1:38)


Chaabi – die Sache mit dem Schwerpunkt

März 27, 2021

Oh man, dieses Youtube Video hätte ich im Jahr 2000 gebraucht, als ich beim Jammen mit El Houssaine Kili verzweifelt die „eins“ gesucht hatte. Glücklicherweise kam dann Rhani Krija in die Band und hat sie mir gezeigt.

Hier erklärt dir gleich Yogev Gabay (und Rhani dort) die Struktur des nordafrikanischen Chaabi Beats. Danke für den Video-Tipp, lieber Axel Mikolajczak!

Gabays Musikbeispiele stammen aus dem Album „Ifrikya“ (2001) vom tollen Karim Zihad.

Our Tribute to Chick

März 20, 2021

Wahnsinn, mit etwas Zeitversatz den Helden meiner Jugend beim Schwärmen zuzuhören: Dave Weckl, John Patitucci, Frank Gambale und Eric Marienthal unterhalten sich über Chick Corea und ihre Zeit bei der Elektric Band:

An der Stelle. als J. P. erwähnte, dass Dave Weckl damals schon alle Elektronik nicht nur selbst verwaltete, sondern auch zusammen mischte und dem FOH eine Stereosumme übergab, wollte ich es genauer wissen und schlug das Modern Drummer Interview vom Oktober 1986 auf:


>>“I have always been a sound nut. That’s why I have always carried my own P.A./monitor system. Now I have all the drums gated through Omni Craft noise gates, so there is no leakage and everything is clean. The system is all in stereo. For monitors, I use two sets of Eastern Acoustic Works speakers: two 15″ sub-woofer cabinets and two 15″ full- range cabinets. A Crown Micro Tech amp powers the sub-woofers, and a Carver amp powers the full-range speakers. The cross- over is handled by an Audio Arts Stereo Tunable Crossover. I use a Studio Master mixing board with six channels for drums, and the other two channels for my Linn and Simmons SDS5. This gives me control over my balance of acoustic sounds with electric sounds. Also in the rack is a Roland digital delay, Roland digital reverb, and a DBX 166 stereo compressor/ limiter noise gate. 

„My Simmons SDS5 is triggered from Detonator mic’s on my drumshells. I had my Linn customized for dynamic sensitivity. I assigned my bass drum, snare drum, second rack tom, left-hand tom, and Simmons pad to the trigger inputs in the Linn. I have the trigger sensitivity set so that I can get both the acoustic and Linn sound by hitting the drums, or just the triggered sound alone by hitting the rim. It’s rigged this way for the Simmons sounds also. Chris Anderson and David Rob wired up my rack and customized my Simmons, so that I can change all programs with a quick button push and also turn individual channels on and off with foot switches. With this setup, I can quickly get any combination of acoustic and electric that I want.“<<

Selbstverständlich musste ich das Vierer-Gespräch immer wieder unterbrechen, um im nächsten Tab Gegenzuhören. Und fragte mich, ob man im Track „India Town“ (19:46 und 24:20) nicht zufällig beobachten kann, wie Weckl gerade den Delay-Aux-Weg aufdreht?

In puncto selbstgesteuerter Snare-Hall gibt es jedenfalls eine klare Aussage:

>>“With my 13″ snare drum, I can get away with using almost no tape on the head at all. I use one little piece of tissue and tape up at the top of the drum, and my normal tuning is relatively high—depend- ing, once again, on the tune. Even in con- cert, I change the tuning of the snare drum. If I want a fatter sound, I usually detune the two lugs that are right next to the tape and all of a sudden get a big, fat, wet snare drum. On stage, I will usually boost up the reverb a lot when I do that, in order to compensate for the dryness.“<<

Abschließend noch etwas Gear & Attitude Talk zum Track „Rumble“:

>>“Rumble,“ the opening cut on the record, is the most overdub-oriented piece, consisting only of keyboards and drums/ percussion. It is a tour deforce example of artistic integration of acoustic and electronic drums, percussion, and drum machine. Unlike many contemporary recordings, which employ drum machines as lead-footed tyrants, this track shows off Dave’s ability to play between, on top of, around, and along with the machine in a way that points to new horizons in the creative use of drum machines. In other words, in this decade in which the machine has become the drummer’s most controversial friend/foe, Dave has succeeded in making it his friend—but it is also understood that he can whip his friend’s butt. „Rumble“ has become a much-talked- about cut among drummers. For those who have been attempting to analyze it through repeated turntable spins, Dave’s explanation serves as a valuable study guide. 

„On the eight-bar drum breaks at the beginning of the tune, I was actually playing along with the drum machine—playing exactly what the machine was playing, except for the hi-hat part. Then, when the solo groove comes in, it’s two completely different drum parts. Chick had programmed a Linn 9000 part—partly because he had sequenced a bass part and partly as a working groove over which he could compose. This part ended up becoming part of the feel for the piece. But I hadn’t heard it until I actually came out to California to start the album after the tour. So it was really a challenge, because I had to come up with a part on the day we were cutting it. We had discussed whether we should keep the whole part for the solo groove or just keep parts of it. I suggested that we should just let that part continue, and I would come up with something around it that would result in one combined part. I had to figure out something to play that wouldn’t get in the way of the machine, which was already a full part in itself. The Linn part is an eight-bar hi-hat, bass drum, snare drum, and cowbell pattern that keeps repeating.“ 

„Through my triggering, I was able to assign sounds in my own Linn to anything on the drumkit. The tambourine heard on the track is actually triggered from my left-hand floor tom. That became part of the pattern, so I always had to repeat it every fourth bar. The hand clap was also played by me on a Simmons pad that was fed into the Linn machine. I played on the ride cymbal, doing a looser thing, and I made sure not to play too much with my bass drum, because there was a pretty busy bass drum part already happening in the Linn program. If you listen closely, you can hear that the Linn bass drum part has more of an airy, Simmons-like sound, whereas my real bass drum is tighter with more bottom. The higher pitched snare drum with a little more ring is mine.“

„Later, I overdubbed percussion parts with cowbells, bongos struck with sticks, timbales, and cymbals. We just set up a whole bunch of instruments, and I toyed around with them. We had about six different cowbells on a stand. I just started playing a groove and Chick liked it. At the end of the solo section, there are some hits. I decided to play them on the timbales rather than on the drumset, which would have disrupted the groove. The other solo break in the middle of the solo section and the out section comprise an orchestrated written part that Chick composed with the Linn machine. I doubled that part with the drums and percussion. Recording the track ended up being a one-day creative session that really worked.“<< 

„The Beauty of Electrified and Programmed Drum Grooves“ Playlist

März 16, 2021

Neulich rief Norbert Saemann an und fragte, ob ich nicht Lust hätte für die Abonnenten des Meinl Newsletters eine exklusive Spotify-Playlist zusammenzustellen.
KLAR! Thema? Wäre mir überlassen. STEILVORLAGE!

Und so habe ich unter der Überschrift The Beauty of Electrified and Programmed Drum Grooves einen kleinen Funkturm errichtet, »not a timeline-based history of DJ culture, but a colorful mix to give kudos to all the engineers and researchers in music production, to all the bedroom producers and bricoleurs who find and develop new percussive sounds, textures and aesthetics, to all the visionaries and brave drummers who know that there is always more to discover.«

Für den Meinl Newsletter kannst Du Dich hier anmelden, anschließend werden Dir wohl Mitte der Woche der Link und meine Gedanken zur Playlist zugestellt (bestimmt mit dem oben abgebildeten Kurierfahrzeug).

Kannst jedenfalls schon gespannt sein: hier klopft der Gangsta-Rapper einem Peter Erskine oder Danny Gottlieb hinterm Simmons-Set anerkennend auf die Schulter, Sly Dunbar raucht einen mit der Bedroom Produzentin aus Offenbach, Jeff Porcaro programmiert die Linndrum, Jojo Mayer hebt ab, J Dilla fließt, Herbert betrommelt den Körper seiner Freundin, D’Angelo wackelt, Theo Parrish ebenso, Squarepusher beept mit Missy Elliot, Goldie grinst, Portishead weint, wer lötet eigentlich dahinten in der Ecke?? Egal, Phil Collins trommelt für den Dancefloor – ich tanze dazu und schau mir all die stromgeladenen Rhythmusmaschinen und Protagonisten im Netz an –
und so weiter und so fort: knappe acht Stunden Spitzenqualität!

there’s that Steve Gadd thing you’re copying.

März 15, 2021

„Tom Tom for Backbeat“ ist gerade mein großes Thema. Sprich ich verbringe viel Zeit mit Steve Gadd.
Dass bei solch einer Kulturreise neben dem eigentlichen Fokus, immer wieder nostalgische Verzückungen aufblitzen ist eh klar, dass nicht minder spannende Nebenschauplätze zum Verweilen einladen, eigentlich auch.
Im folgenden Ausschnitt aus der DCI-Video Kassette „Steve Gadd In Session“ geht es also um die Tonlänge des Ridebeckens:

Aber wenn plötzlich eine bis dato selbstverständliche Zuordnung verrutscht – puh – dann muss ich erstmal ins Bett… natürlich nicht ohne vorher noch Rick Marotta aus dem Modern Drummer (September 1987, Seite 56) zu zitieren und zu schmunzeln:

>>There’s a lick he’s gotten credit for developing because he played it on so many records, and we laugh about it all the time. I was playing this hi-hat/ snare drum/ bass drum thing where I’d be playing just a simple figure, and then all of a sudden, it would become very complicated. It was kind of a paradiddle with accents. Chuck Rainey said, „There’s that Steve Gadd thing you’re copping.“ I said, „Steve got that from me. I did it on a Jerry LaCroix album.“ Rainey didn’t believe me, and I went crazy. It had been written in all these magazines that Steve came up with it, so I told Rainey to ask Steve. I saw Chuck a week later, and he said, „I really didn’t believe what you were telling me, but I asked Steve and he said, ‚Oh yeah, that’s true.‘ “ Steve doesn’t need to take credit for everything! He’s so great.<<

Jerry LaCroix „Mean Ole World“ (1974)

Jahrestag

März 12, 2021

Eben schrieb mir Nils Wülker, dass heute vor einem Jahr unser letztes „reguläres“ Konzert stattfand. Doch auch dieser Gig war schon jenseits des Gewohnten und von Andersartigkeit geprägt: ein deutlich reduziertes, auf Abstand platziertes Publikum, zudem teilweise bezahlte Tickets, die nicht wahrgenommen wurden, Unsicherheiten im Raum. Und als nach dem Gig ein Bandmitglied eine deutlich erhöhte Körpertemperatur feststellte, reiste die Ungewissheit mit zurück nach Frankfurt. Während der Zugfahrt trudelte eine Absage nach der anderen ein. Alles auf Null, angekommen im Lockdown…
Ich habe mich instinktiv eingekapselt, tagelang Minimum 13 Stunden geschlafen, bis der Energiespeicher aufgefüllt (und die Sorge über eine Ansteckung abgeklungen) war. Dann gingen auch die Augen auf: es ist zwar alles ungewohnt anders, aber eigentlich ganz kuschelig hier im Familiennetz 🙂

Ich will mich auf keinen Fall beklagen. In puncto Finanzen hatte ich mehrfach Glück, zum einen bin ich nicht der alleinige Verdiener in der Familie, zum anderen gingen trotz der Konzertflaute immer wieder Türchen auf: da eine Hilfe, dort ein kleines Stipendium, eine unerwartete GVL-Nachzahlung, eine bezahlte Jury-Tätigkeit. Außerdem gibt’s ja auch noch den Hochschul-Lehrauftrag. Da ich darüberhinaus ein Leben mit oszillierenden Einkommensverhältnissen gewohnt bin, hatte ich zu keinem Zeitpunkt Existenzängste. Ich konnte Angreifen und Machen, all die schönen Sachen, die sonst zu kurz kommen. Denn plötzlich gibt es Zeit!

Selbstredend sind all die Selbstmotivation und der Trotz sich nicht unterkriegen zu lassen kein Garant für dauerhaftes Sonnenwetter. Gerade jetzt, wenn erneut die Frühlingstouren gestrichen werden und völlig unklar ist wann und wie es weitergeht, eigentlich alle nur raus und spielen wollen (blöderweise oft an denselben Tagen), letztlich – nach schwierigen Termin-Jonglagen – gar nicht dürfen. Oh man, da zieht das Gefühlswetter auch mal zu und sämtliche entwickelte Strategien scheinen bei Regen nicht mehr zu funktionieren.
Doch hey, Regenwetter und der benötigte Grashalm hängen eng zusammen:
Als neulich Chick Corea gestorben ist und ich mir in einer Abschiedsrunden viel Musik von ihm angehört und angeschaut habe, bin ich an folgendem Return to Forever Fernsehmitschnitt hängen geblieben:

Mein eigentlicher Fokus verrutschte etwas, denn der satte Groove von Lenny White erinnerte mich schlagartig an ein völlig vergessenes Vorhaben, nämlich jenen Rhythmen auf die Spur zu gehen, bei denen der Backbeat (teilweise) auf dem Standtom landet.
Da ist er doch der Grashalm und eine spannende Aufgabe, mit viel Musik, anstehenden Gespräche mit Trommler-Freunden, Internet-Uni… hurra, bin wieder drin!

Watch out for the FOURTOM!