Archive for the ‘Improvisation’ Category

steilste Lernkurve ever, zudem beflügelnde Freude

März 4, 2021

Neulich wurde ich zu meinen Übe-Konzepten befragt. Ich erklärte meinen Weg der Selbstmotivation – sich schöne Aufgaben zu stellen -, vergaß in der Kürze der Zeit aber einen anderen wichtigen Pfeiler: das Machen im Kontext, Wagnisse vor Publikum.

Selbstverständlich habe ich mir durch klassisches Training über die Jahre ein gewisses Repertoire an Grooves und Lösungen erarbeitet, aber die Überprüfung und Sortierung der Optionen (was funktioniert tatsächlich gut?) passierte ausschließlich in der Konzertsituation.

Meine bewusste und pragmatische Entscheidung (Minimalismus, sich aufs Wesentliche konzentrieren, Flow- und Groove Schwerpunkt, Unlust Instrumente durch die Gegend zu wuchten) mit nur Kick-Snare-Hihat und einem Becken zum Gig zu reisen, hat mir erst in der konkreten Konzertsituation gezeigt, an welchen Stellen die Stolperfallen liegen, wofür ich neue Workarounds brauche.
Beispielsweise: Mir fehlten die Toms für typische Fill-Ins. Was tun?
Ich kultivierte Mutes.
Mir gingen bei so viel Übersichtlichkeit schnell die Farben aus.
Ich integrierte diverse Schüttelperkussion, gerne auch zusätzlich zum Stock in der Hand, dann entdeckte ich die Vielfalt des Echogeräts und den Kosmos der elektronischen Zuspielungen.

Mein Interesse für die Ästhetik von elektronischen und/oder produzierten Beats konnte ich zwar zum großen Teil analytisch angehen und so auch auf meine Setups und Spieltechniken übertragen, am meisten gelernt habe ich jedoch durchs stundenlangen Jammen (Mit-Trommeln) mit einem DJ – im Club. Dabei verstand ich zunehmend besser, wie Spannungsbögen erstellt werden, auf was der Dancefloor abfährt/reagiert, wie sich das Publikum lesen lässt, auf was es inhaltlich (Beat-technisch) ankommt…

Nach der Turntablerocker Tour (2001) wusste ich, wie eine Band als dritter Plattenspieler agieren und sich um die Instrumentals kümmern kann, so dass die beiden DJs Michi Beck und Thomilla sich auf Acapellas, Classic Breaks und die Ganitur konzentrieren konnten. Kaum war mein Soloalbum („Organic Electro Beats„, 2003) in der Welt, schrieb ich viele DJs an, ob sie nicht Lust auf einen „interaktiven dritten Plattenspieler“ hätten, Dhoerste reagierte und nahm mich einfach mit – in eine komplett neue Welt, die ich nur vom Hörensagen kannte. Und ich trommelte auf unterschiedlichen Hybrid-Kits in DB verträglichem Format einfach zu seinem aufgelegten Set (gerne auch noch einen ausgedehnten Übergang mit dem vorigen bzw. folgenden Künstler)…

Steilste Lernkurve ever, zudem beflügelnde Freude!

Ich hatte eine neue Hobby-Perle gefunden, die nicht wirklich oft, dafür immer wieder aus neuem Gewand kräftig rausleuchtet. Zuletzt im Rahmen der Ludwigsburger Trommeltage mit DJ Friction und – hey! – nächste Woche mit Michel Baumann aka SoulPhiction/Jackmate im Mannheimer Jazzclub Ella & Louis.

Ich kenne kaum jemanden, der Hiphop, House und Techno mit so viel Feingefühl und Soulfullness formt. Immer entsteht Musik, die einen im doppelten Wortsinn bewegt: man möchte sofort tanzen, kann sich aber auch zurücklehnen und einfach zuschauen, zuhören.
Insofern beste Voraussetzung für ein gestreamtes Unikat!
Und da SoulPhiction viel mehr Live-Act als DJ ist, wird Improvisation und Interaktion groß geschrieben – so dass ein Jazzclub als Austragungsort nicht besser gewählt werden könnte!
Tickets für unseren Gig am 12.03.21 können hier gekauft werden.

Über Michel zu schreiben wären nach Athen getragene Eulen. Er formt seit 1996 beständig den Clubsound, veröffentlich auf den renommiertesten Labels (ich wähle mal die „P“ beginnenden: Pampa, Perlon, Playhouse, PokerFlat), aber auch auf dem eigenen (Philpot Records).
So viel ließe sich berichten (aber auch einfach nachlesen – so auch unsere gemeinsame Geschichte, die vor über 20 Jahren mit Pauls Musique begann und 2018 finally zum ersten Duo-Gig führte), also lege ich am besten mal ein Mixtape ein:

Clickt euch rein am 12. und tanzt mit!



How to make Ableton Live follow your tempo!

Februar 22, 2021

Ableton 11 steht in den Startlöchern (VÖ 23.02) und Abletondrummer Tobi hat schon ein PDF in Bezug auf die vielversprechende FOLLOW TEMPO Funktion verfasst (sowie eine stattliche Anzahl an passenden M4L PlugIns gebastelt). Yeah!

Den Infotext gibt’s hier: https://gum.co/TempoFollowGuide

Puzzle mit 4 Teilen

Februar 11, 2021

Oh wie toll, mal wieder auf der Bühne (bzw. beim Jazzfest der HfMDK Frankfurt) zu interagieren! War gestern ein eins Tag mit Fola Dada und Ulf Kleiner & zwei Delay Pedalen:
Einem Boss RE-20 fürs Schlagzeug – das via AB-Box gefüttert wird – und das Keine Delay für die Stimme (sobald/solange der grüne Knopf gedrückt wird).

Eigentlich immer dasselbe, nur halt diesmal mit zwei getrennten Echomaschinen. Das ist kein Hexenwerk, sondern ein mega Spielplatz 🙂

Ich weiß nicht wie lange der Stream noch online abrufbar bleibt, hier ein Ausschnitt fürs Archiv. [File under Dual Delay, erster Gig mit Maske]:

Rollos hoch, Wall of Sound!

Januar 29, 2020

Heute beginnt das Jazzfest der HfMDK in Frankfurt. Um acht Uhr darf ich auch für eine Dreiviertelstunde improvisieren. Und zwar in dem äußerst frischen und speziellen Gebinde, bestehend aus Ralph Abelein (Flügel), Stefan Viegelan (Orgel, die große), Christopher Brandt (vertstärkte Gitarre) und dem Kopffarben Duo aus Berlin, die sich mittels Echtzeitgemälde und projeziertem Licht um die visuelle Komponente kümmern.

Meine Effekte sind längst verkabelt, wobei ich ehrlich gesagt immer noch angestrengt überlege, wie ich wohl den Raumhall des Kleinen Saals, sprich: die Akustik-Rollos, fernsteuern könnte…

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Hey, der Raumklang und seine Transformation interessiert mich mächtig und nach dem Artikel über die gigantische Boxenwand, mit der Grateful Dead zwischen März und Oktober 1974 durch die Lande gezogen sind, habe ich auch keine Angst vor Großprojekten mehr!

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Imperial, versteckt

Januar 24, 2020

Heute brauchte ich frei improvisierte Klaviermusik, um mein Dub-System für das Frankfurter HfMDK Jazzfest auszuprobieren. Ralph Abelein hatte mir zwar begeistert von Marilyn Crispell erzählt, aber leider hatte ich ihren Namen vergessen und so legte ich Jarretts Köln Konzert auf (welches ich mir tatsächlich noch nie angehört hatte) und fütterte fortan Echo (keine Delay Teil1) und Hall (Neunaber Wet) mit seinen Schnippseln (via grünem Taster).

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Gerade eben – Achtung schöner Zufall – habe ich im Interview mit der damals 18 jährigen Veranstalterin Vera Brandes (die später – mein als Teenie heiss geliebtes – VeraBra Records Label gegründet hat) gelesen, dass heute vor genau 45 Jahren DAS Köln Konzert (letztlich doch noch) über die Bühne ging und (trotzdem) aufgenommen wurde. Um schließlich, wie wir alle wissen, den Orden des erfolgreichsten Soloalbum der Jazzgeschichte zu tragen.

In anderer schöner, fast kontrollierter Zufall: Die auf der schräg gestellten Snaredrum am DrumGees (wie auf der Wäscheleine) befestigte Sizzle-Kette, mit der Max Gebhardt seiner Trommel eine Art angezerrten Raumklang entlockt.

PS. die anderen beiden Echogeräte werden wie folgt eingesetzt: Das Boss Re-20 für meine Snare, der Red Panda Particle II effektiert die elektronische Bassdrum aus dem Vermona Kick Lancet.

Schach & Musik

Januar 23, 2019

Meine Fähigkeiten beim Schach sind ziemlich begrenzt. Eingerostet auf dem Niveau des Grundschülers, der temporär Spaß am Spiel gefunden hat und zuhause einen Mitspieler – mich – brauchte.

Jetzt lese ich aber gerade in „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ so tolle Sätze und Gedanken von Thomas Glavinic, so dass ich mich jetzt schon auf die Freibadsaison freue, inklusive Maxi-Gartenschach.

Ich habe aus den Seiten 52/53 ein bisschen was abgeschrieben (leicht umgestellt und ergänzt). Somit lassen sich die Schachideen bis zum Sommer auch mit in den Proberaum nehmen.

>>Weltmeisterliches Schach zu spielen heißt, schier unendlich tief in einen Mikrokosmos vorzudringen und dennoch den Überblick auf das Ganze, das Große zu behalten.<<

>>Jeder wahre Meister hat seinen Stil. Ein Musiker erfindet sein Lied, er komponiert es. Ein Dichter schreibt sein Buch nicht einfach, er fügt darin eins zum anderen. Und ein großer Schachspieler spielt seine Partien nicht. Er baut sie.<<

Dennoch bestimmt vertraute Interaktion den Verlauf.

>>Nun, ein Schachmeister verwendet für jeden Zug soviel Kraft und Phantasie wie ein Dichter für jedes Wort jedes Satzes. Am Schachbrett sitzen einander zwei Stilrichtungen gegenüber, zwei Systeme, zwei Philosophien. Nach den Eröffnungszügen wählt der Meister einen Plan. Der Plan ergibt sich aus der Charakteristik der entstandenen Stellung. Von seinem Plan weicht der Meister nur ab, wenn der Gegner seinerseits die Stellung entscheidend verändert. Der eine besitzt hervorragende Fähigkeiten darin, kleine Vorteile zu sammeln, zu verdichten und die Partie für sich zu entscheiden. Der andere ist in der Lage, Kombinationen weiter und tiefer zu berechnen. Dieser zeichnet sich durch besonders angriffslustiges Spiel aus, jener lässt den Gegner anrennen.<<

Es lebe die Improvisation und der Moment der Entscheidung! Selbstverständlich darf sich ein „Schach-Musiker“ über den final entscheidenden Zug bzw. einen alleinigen Schluß-Abschlag freuen, die ganz große Kunst jedoch ist das gemeinsam gleichzeitige Aufhören – ein Remis. Aus Kampf wird Kunst.

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Passt zu den Gedanken: Gretsch Zig-Zag Snare

 

 

„War nur kurz im Koma, Text kommt!“

Januar 10, 2019

Das war ein sehr schöner Konzert-Jahreseinstieg gestern. Duo-Impro mit Lars Bartkuhn. In Aalen. Mit viel Schnee und sonstigem Drum und dran…
Klar, dass bei so viel „Weiss“ auch die Bahnen gemütlicher unterwegs sind, aber darauf war ich irgendwie instinktiv vorbereitet. Und so konnte ich auf der Rückfahrt schön lesen und gemütlich das Kabel meines HD-25 wechseln.

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Als heutige Highlights möchte ich die Thomas Glavinic Ausreden und die beiden CD-Besprechungen von Fatma Aydemir und Marcus Staiger aus dem allerletzten gedruckten SPEX Magazin aufs Podest stellen. Eiscafé eh immer ganz vorne. Und auf den Ohren lief dann  (ohne Wackel-Stereo) John Scofields „Works for me“.
Was ich alles mit den neuen alten Signaturschablonen besprühen werde, überlege ich dann morgen…

recieved wisdom

Dezember 21, 2018

Ethan Iverson spielt Klavier bei The Bad Plus, schreibt aber auch interessante Blogbeiträge.
In dem Artikel Received Wisdom (Jeff Goldblum, chord scales, the iReal Book, and Kamasi Washington) geht es um Licht und Schatten der Wissensvermittlung, konkret um die Weitergabe von Ideen über Regeln hin zum vermeintlich Goldenen Gral der Jazzimprovisation, die Akkordskalen.

Meine Liebelingssätze daraus, quasi die Gliederung, die in Iversons Beitrag selbst mit Beispielen befüllt wird.
>>It’s very important to get information from the source. From the masters. From those who truly understand the aesthetics of the genre at hand.<<

>>Received wisdom is, “Common knowledge that is held to be true, but may not be.”<<

>>After all these years of jazz education, the sound of chord scales disconnected from bebop and the blues has inexorably crept into the fabric of common-practice jazz. The best players always manage to generate their own melodic folklore<<

>>The problem is that no master ever played any changes of any song without consulting the melody first. The melody is the song. The song dictates the aesthetic. Once in a while even the lyrics can be helpful.<<

>>So, dear NEC students of mine, if you are looking to have a career in this music that goes beyond the academy, it might be relevant to keep checking out the source material, not the textbooks.<<

 

an enjoyable & unique musical experience

Mai 3, 2018

Habe im Münchner Second Hand Laden die jazzige Entsprechung zu den Mehrspurexperimenten von Glenn Gould gefunden:
Bill Evans‚ „Conversations with Myself„, seine wohl persönlichsten Klaviertrio-Aufnahmen aus dem Jahr 1963, dreimal (tatsächlich Glenn Goulds) Steinway via Overdub-Verfahren.

Tyrann der eigenen Ästhetik

April 19, 2018

>>…Wie funktioniert eigentlich Improvisation?

Meine Lieblingsantwort auf diese letzte Frage besteht aus einem einfachen Vergleich. Sehen Sie, sage ich, unser Gespräch in diesem Moment ist bereits eine Improvisation. Wir haben beide ein Thema, eine Vorbereitung, ein Anliegen, und ein Vokabular. Wir haben zwanzig Minuten Zeit, und am Ende werden wir einen Text gesprochen haben, in dem all diese Zutaten eine Rolle spielen. Aber vor dem Gespräch wussten wir beide noch nicht, wie der Text am Ende aussehen wird. Wir haben miteinander improvisiert. So ähnlich, sage ich, können Sie sich das auch in einer Band vorstellen.<<

>>Irgendwo im Kopf sitzt ein kleiner Tyrann der eigenen Ästhetik, der beständig den Posteingang und –ausgang kontrolliert und je nach Inhalt, Laune und Lebensjahrzehnt Glückshormone oder abgrundtiefe Verzweiflung ausschüttet.<<
Michael Wollny in der SZ vom 30.03.18