Archive for the ‘Improvisation’ Category

Schach & Musik

Januar 23, 2019

Meine Fähigkeiten beim Schach sind ziemlich begrenzt. Eingerostet auf dem Niveau des Grundschülers, der temporär Spaß am Spiel gefunden hat und zuhause einen Mitspieler – mich – brauchte.

Jetzt lese ich aber gerade in „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ so tolle Sätze und Gedanken von Thomas Glavinic, so dass ich mich jetzt schon auf die Freibadsaison freue, inklusive Maxi-Gartenschach.

Ich habe aus den Seiten 52/53 ein bisschen was abgeschrieben (leicht umgestellt und ergänzt). Somit lassen sich die Schachideen bis zum Sommer auch mit in den Proberaum nehmen.

>>Weltmeisterliches Schach zu spielen heißt, schier unendlich tief in einen Mikrokosmos vorzudringen und dennoch den Überblick auf das Ganze, das Große zu behalten.<<

>>Jeder wahre Meister hat seinen Stil. Ein Musiker erfindet sein Lied, er komponiert es. Ein Dichter schreibt sein Buch nicht einfach, er fügt darin eins zum anderen. Und ein großer Schachspieler spielt seine Partien nicht. Er baut sie.<<

Dennoch bestimmt vertraute Interaktion den Verlauf.

>>Nun, ein Schachmeister verwendet für jeden Zug soviel Kraft und Phantasie wie ein Dichter für jedes Wort jedes Satzes. Am Schachbrett sitzen einander zwei Stilrichtungen gegenüber, zwei Systeme, zwei Philosophien. Nach den Eröffnungszügen wählt der Meister einen Plan. Der Plan ergibt sich aus der Charakteristik der entstandenen Stellung. Von seinem Plan weicht der Meister nur ab, wenn der Gegner seinerseits die Stellung entscheidend verändert. Der eine besitzt hervorragende Fähigkeiten darin, kleine Vorteile zu sammeln, zu verdichten und die Partie für sich zu entscheiden. Der andere ist in der Lage, Kombinationen weiter und tiefer zu berechnen. Dieser zeichnet sich durch besonders angriffslustiges Spiel aus, jener lässt den Gegner anrennen.<<

Es lebe die Improvisation und der Moment der Entscheidung! Selbstverständlich darf sich ein „Schach-Musiker“ über den final entscheidenden Zug bzw. einen alleinigen Schluß-Abschlag freuen, die ganz große Kunst jedoch ist das gemeinsam gleichzeitige Aufhören – ein Remis. Aus Kampf wird Kunst.

j04174000001001-00-500x500

Passt zu den Gedanken: Gretsch Zig-Zag Snare

 

 

„War nur kurz im Koma, Text kommt!“

Januar 10, 2019

Das war ein sehr schöner Konzert-Jahreseinstieg gestern. Duo-Impro mit Lars Bartkuhn. In Aalen. Mit viel Schnee und sonstigem Drum und dran…
Klar, dass bei so viel „Weiss“ auch die Bahnen gemütlicher unterwegs sind, aber darauf war ich irgendwie instinktiv vorbereitet. Und so konnte ich auf der Rückfahrt schön lesen und gemütlich das Kabel meines HD-25 wechseln.

img_0711

Als heutige Highlights möchte ich die Thomas Glavinic Ausreden und die beiden CD-Besprechungen von Fatma Aydemir und Marcus Staiger aus dem allerletzten gedruckten SPEX Magazin aufs Podest stellen. Eiscafé eh immer ganz vorne. Und auf den Ohren lief dann  (ohne Wackel-Stereo) John Scofields „Works for me“.
Was ich alles mit den neuen alten Signaturschablonen besprühen werde, überlege ich dann morgen…

recieved wisdom

Dezember 21, 2018

Ethan Iverson spielt Klavier bei The Bad Plus, schreibt aber auch interessante Blogbeiträge.
In dem Artikel Received Wisdom (Jeff Goldblum, chord scales, the iReal Book, and Kamasi Washington) geht es um Licht und Schatten der Wissensvermittlung, konkret um die Weitergabe von Ideen über Regeln hin zum vermeintlich Goldenen Gral der Jazzimprovisation, die Akkordskalen.

Meine Liebelingssätze daraus, quasi die Gliederung, die in Iversons Beitrag selbst mit Beispielen befüllt wird.
>>It’s very important to get information from the source. From the masters. From those who truly understand the aesthetics of the genre at hand.<<

>>Received wisdom is, “Common knowledge that is held to be true, but may not be.”<<

>>After all these years of jazz education, the sound of chord scales disconnected from bebop and the blues has inexorably crept into the fabric of common-practice jazz. The best players always manage to generate their own melodic folklore<<

>>The problem is that no master ever played any changes of any song without consulting the melody first. The melody is the song. The song dictates the aesthetic. Once in a while even the lyrics can be helpful.<<

>>So, dear NEC students of mine, if you are looking to have a career in this music that goes beyond the academy, it might be relevant to keep checking out the source material, not the textbooks.<<

 

an enjoyable & unique musical experience

Mai 3, 2018

Habe im Münchner Second Hand Laden die jazzige Entsprechung zu den Mehrspurexperimenten von Glenn Gould gefunden:
Bill Evans‚ „Conversations with Myself„, seine wohl persönlichsten Klaviertrio-Aufnahmen aus dem Jahr 1963, dreimal (tatsächlich Glenn Goulds) Steinway via Overdub-Verfahren.

Tyrann der eigenen Ästhetik

April 19, 2018

>>…Wie funktioniert eigentlich Improvisation?

Meine Lieblingsantwort auf diese letzte Frage besteht aus einem einfachen Vergleich. Sehen Sie, sage ich, unser Gespräch in diesem Moment ist bereits eine Improvisation. Wir haben beide ein Thema, eine Vorbereitung, ein Anliegen, und ein Vokabular. Wir haben zwanzig Minuten Zeit, und am Ende werden wir einen Text gesprochen haben, in dem all diese Zutaten eine Rolle spielen. Aber vor dem Gespräch wussten wir beide noch nicht, wie der Text am Ende aussehen wird. Wir haben miteinander improvisiert. So ähnlich, sage ich, können Sie sich das auch in einer Band vorstellen.<<

>>Irgendwo im Kopf sitzt ein kleiner Tyrann der eigenen Ästhetik, der beständig den Posteingang und –ausgang kontrolliert und je nach Inhalt, Laune und Lebensjahrzehnt Glückshormone oder abgrundtiefe Verzweiflung ausschüttet.<<
Michael Wollny in der SZ vom 30.03.18

Plas ma!

Juni 7, 2017

>>Jede Musik hat andere Aggregatzustände. Jazz etwa ist vergleichbar mit Plasma, enthält also sowohl geladene als auch neutrale Teilchen. Um zu improvisieren, benötigt man mit vorgefertigten Codes geladene Klänge und neue, spontan erschaffene Sounds.<<

So beginnt der lesenswerte taz Artikel von Philipp Rhensius über das diesjährige Moers-Festival

Kombizange, Tannenzapfen & angenehm volle Ohren

Mai 11, 2017

Vier Tage Berlin und ich muss erstmal aufstehen und mich sammeln – so ’ne Inspirationslawine hat ordentlich Impact…

1) X-Jazz: ich hörte Prommer und entdeckte Jeannel. Und der Fink-Drummer hat eine interessante Beckenauflage von Keplinger.

2) meine SYN/CUSSION Highlights:
– Katharina Ernst behängt ihren Gong mit Schrauben; sie trommelt beindruckende polyrhythmische Kombinationen.
Martin Brandlmayr spielt fantastisch, auch mit Crotales und Murmeln auf der Snare. Grandios auch sein gehauchter Kickdrumsound, als wäre ein dezenter Bassist zugegen.
Sein Counterpart war der „Automat“, ein vom Computer (und Nicholas Bussmann) gesteuerter, präparierter Flügel. Als nächstes höre ich mir Martins Band Radian an…

– Tannenzapfen (Nadeln und Blech) auf der Basstrommel (bei Lê Quan Ninh).
John McEntire und Sam Prekop, der Wellnessbereich (Meer und Kuchen) des Festivals,
– die DJ-Einsprengsel von Natalia Eskobar, ihre Sets gefallen mir auch sehr.
– Morton J. Olsen hatte eine rotierbare Bassdrum dabei (auch ein präpariertes Vibraphon und drei schicke Drumsynths: Mbase, Kick Lancet und Coron Drum Synthe) – auf der anderen Seite loopte und feedbackte Marta Zapparoli mit diversen Bandmaschinen.

IMG_7679

– auch wenn sie als Duo nicht „miteinander“ überzeugten, bin ich nach wie vor großer Fan von Jan Jelinek und begeistert das mit 73 Jahren noch elegant (Anzug) und frei trommeln kann. Hut ab, Mr. Sven-Åke Johansson!
– Danke Paul Lovens für die Kombizange in der Stocktaschen und den ansteckenden Humor. Der EMS Synthi A ist auch mächtig!

IMG_7690

–  Die >>tanzbaren wie rebellischen DJ-Sets<< von Annika Henderson, waren genau so. Gut.
Ein ausführlicher Bericht SYN/CUSSIO – ein Drumfestival ohne Backbeat wird noch in drums&percussion erscheinen.

3) Schließlich war ich auch noch beim Drumtrainer und bei Teile-Elektronik (für einen weiteren Echo-Feinschliff) – dort empfahl man mir KUF (mit Hendrik Havekost hinterm Set), einfach so.

sich beim Leben bedanken

Dezember 27, 2016

Perfektes Gegengewicht zu den vielen musikalischen Verlusten des Jahres 2016:
In der Arte Doku über Wayne Shorter („Jazzlegende Wayne Shorter“) steckt so viel Positives, so viel Weisheit und Musikalität drin!
Sie ist noch bis zum 13.1.17 online anschaubar.

Ich hatte immer wieder diese Wayne Shorter Momente, wo er mich so ergriffen hat, dass seine Musik in Dauerschleife laufen musste: Ob das „Nefertiti“ war oder „Infant Eyes„, die hoch emotionale Duo Platte mit Herbie Hancock oder die komplette Weather Report Box. Diese 53 Minuten Film gehören definitiv auch dazu! So dass ich kurz davor bin, die ganzen Weisheiten zu transkribieren. Die passenden Überschriften hätte ich schon:

freies Improvisieren, Potential, Risiko, Demut, der musikalische Urzustand „Zero Gravity“, Verlust, Tod & Tragödie, das Kind auf die Schulter setzen, „putting water in the chord“, schweben, not only music – something else, das Mysterium erhalten, der Fehler als Anfang, sich überraschen, Mut, „das Unbekannte kann man nicht proben“, Phantasie, Schwerelosigkeit, die Geschichte gemeinsam schreiben UND erzählen

PS. ganz profan und Blog bezogen, können wir zudem ab 30.12′ Brian Blade beim Stimmen zuschauen

 

Who is Chris Scholar

Dezember 19, 2016

Das Trio des Schlagzeugers Jaimeo Brown hat mich auf der Jazz Ahead 2013 beeindruckt, da wurde freie Improvisation mit einem (oldschool Roland) Mehrspur Playback interessant kombiniert. Sein Album „Work Song“ war eines der Highlights 2016.

Erst jetzt habe ich über dieses Interview gecheckt, dass es sich beim Playbackmaster und Gitarristen um Chris Scholar – Bruder von Kelvin (mit ihm und Christian Prommer hatte ich mal einen Drumlessons Gig in Mazedonien gespielt) – handelt. Die Neugierde ist geweckt und ich werde mittels „Who is Chris Scholar“ (free Mixtape) und „Moved to LA“ mal tiefer in die Materie eindringen.

Und anschließend werde ich wohl doch auch noch in die neue A Tribe Called Quest Platte reinhören.

getan, gesagt

Dezember 9, 2016

Was ich (u.a.) am Musikmachen liebe, ist die Herausforderung, im Moment zu reagieren, zu interagieren und aus dem Stand heraus eine klare Aussage formulieren zu müssen (und stehen zu lassen): also, getan, gesagt!

Auch im Alltag flitzen mir häufig Assoziationen und mögliche Geschichten durch den Kopf, die ich wenn möglich immer direkt für einen Blogbeitrag zuschneide. Doch im Gegensatz zum Musikmachen bin ich beim Schreiben alles andere als ein „first take“ Kandidat: über mehrere Tage hinweg, wird das ein oder ein Thema korrigiert und verbessert, gedreht und gewendet, bis ich es endlich loslassen und in der Datenbank parken kann.

Erkenntnis: nicht alles muss auf Knopfdruck funktionieren, auch die (Zwangs)pause hat was – denn Geduld kann man ich nicht zuviel üben – und perfekt muss/kann/darf wohl nicht alles sein.