Rahmen

September 18, 2021

Eigentlich sollte ich noch ein wenig schlafen, denn Abfahrt um 6 Uhr morgens ist defintiv zu früh. Aber irgendwie war die gestrige Trommelnacht derart erfrischend, dass ich – eigenlich notorischer Vielschläfer – direkt weiterhöre…
Und zwar jene Tracks die ich mir bei der gestrigen Anreise nach Schorndorf in eine Spotify-Playliste gepackt hatte, Musik die vor 35 Jahren dort für mich eine wichtige Rolle gespielt hatte, damals als es mit öffentlichen Konzerten endlich losging 🙂

Lee Ritenours „Fly by Night“ (getrommelt von Harvey Mason anno 1979) war der Favorit im Programm meiner ersten richtigen Band „Tension“. Die Platte hatte mir Kay Richter auf Tape gezogen (und das Album sollte mich noch eine ganze Weile begleiten: 1991 spielte ich dann den Titelsong „Captain Fingers“ zur Musikabitursprüfung. Ich hoffe sehr, irgendwann die alte Mini-Videokassette finden und digitalisieren zu können, denn dann gibt’s ein ganz heißes Zeitdokument der damaligen Probe mit meiner Oma hinterm schuleigenen E-MU Synth…)

Als zweites wählte ich Rick Springfield aus, der mich an Peter Kumpf erinnert. Er hatte den eher altebackenen Schlagzeuglehrer der Musikschule abgelöst und mich mächtig motiviert. Da beide tollen Trommler – Kay und Peter – den Hamburger Popkurs begeistert absolviert hatten, war auch relativ schnell klar, wie es bei mir nach der Schule weitergehen würde.
„Honeymoon in Beirut“ ist very 80ies – Discogs verortert den Sound unter Softrock – aber ich freue mich über das „Broken Glass Sample“, Achtelbass und viele geschmackvolle, groovy Drumfills von Curt Cress.
Via Curti denke ich an Wolfgang Schmid, der wiederum, der dank der Dieter Seelow Connection, Anfang der 90er Jahre die Schorndorfer Gitarrentage gestaltete (und mir plötzlich Sessions mit gefeierten Top-Player ermöglichte).
Dass schließlich auch noch eine „Drums Only“ Filiale eröffnet wurde, machte das beschauliche Kreisstädtchen endgültig zum Trommlerparadies. Und vervollständigte (m)eine stabilen Rahmenbedingungen.


Allesamt ideale Erinnerungen, um einen Konzertabend mit drei Schlagzeugern zu gestalten. Sicherlich auch ein gewagtes Unterfangen von Club-Seite aus. Aber hey, es hat bestens funktioniert!
9ms – das Drum Duo von  Flo König und Simon Popp – eröffneten perfekt: ihre ausgefuchsten, perfekt balancierten Kompositionen und räumte jegliche potentielle Bedenken aus dem Raum:
1. ein Schlagzeug ist laut, zwei sind noch lauter, und bitte drei???
2. Trommeln machen Rhythmus, aber keine Songs
Ein gemütliches, vorgewärmte Bett, aus dem heraus ich zu aktuellen Liebingstracks jammen durfte (OK, manchmal auch laut). Schließlich trommeln zu dritt, quasi Drumfestival. Und beste Laune! Yeah.

Weiter geht’s nach Dresden. Auch dort warten tollen Drummer und Bassistenfreunde.
(u.a. Anika Nilles, Jost Nickel, Gergo Borlai, Daniel Schild, Tim Sarhan, Claudio Spieler, Claus Fischer, Ben Jud)
Und ich werde über Leidenschaft und Motivation sprechen, mit euch über den Tellerrand der Bedienungsanleitung schauen, Möglichkeiten jenseits der gängigen Klischees und Erwartungen, die mit unserem Instrument verknüpft sind vortrommeln. Im übertragenen Sinn, einfach den Rahmen sprengen – selbstverständlich ganz friedlich und bedacht, mit Türe und Notausgang:

den Rahmen erweitern – vielleicht verbirgt sich drumherum ein kleines Paradies?

PS. zum Dresdner Drum Fest gibt es ebenfalls viele schöne Erinnerungen, hier einen kleine Auswahl:
2016 https://87bpm.wordpress.com/2016/09/19/casa-loco/
2015 https://87bpm.wordpress.com/2015/09/20/drum-and-basics/
2013 https://87bpm.wordpress.com/2013/09/22/dresdner-drum-bass-festival-2013/
2010 https://87bpm.wordpress.com/2010/09/22/42-masgebliche-regler/

PPS. 1000 Dank an Stephan Hänisch und Tama: ich freue mich auf ein sonnengelbes Star-Kit 🙂

im Bus oder als Maschine

September 15, 2021

Vom 15. -18. September ist wieder Superbooth in Berlin.

Stellvertretend für bestimmt ganz viel Spannendes weise ich auf Martin Stimming’s Instant Mastering Chain (mit nur einem Kilogramm Gewicht äusserst reisefreundlich, auch für den Drum Bus empfohlen), sowie auf die fette Erica Synths Pērkons HD-01 Drum Machine (mit Analog Delay!) hin.

Passend dazu – als Nachträg zum nine-o-nine day – eine schickes Foto von Cinthie mit dem geliebten Roland Meilenstein.

PS. wer gerne auf TR-707 und TR-727 in der DAW zocken würde, kann sich dort mal umschauen…(danke für den Tipp, Axel!)

listen while you work!

September 15, 2021

Matthew Herbert ist nicht nur Doctor Rockit, sondern auch ein Doktor der Philosophie. Und hat seine Dissertation „Listen while you work: negotiating power and meaning in post-concrete music“ hier online gestellt.

Der Klappentext beginnt mit einem Verweis auf die Musique Concrète:
>>Following the radical affordances of the then-recent technologies the microphone and tape, Musique Concrète proposed that all sound could now become music. In that moment, new boundaries in music were crossed, not just in the way theorists and composers acknowledged at the time as a flattening of sonic hierarchies, but also in the explicit revelations of meaning and power embedded in this newly recorded sound world.<<

Ich denke über den Paradigmenwechsel nach, der durch die Aufnahme-/Wiedergabemöglichkeit von Musik entstanden ist, aber auch über ein erweitertes Vertständnis jenseits expliziter Instrumente und Stimmen, denke auch ans Geräusch und zack spielt mir die taz einen spannenden Bericht/Buchtipp über „Noise“ als Verzerrer von menschlichen Entscheidungenund Ideen zur Verbesserung von Entscheidungsrhythmen.

Es gibt also eins a Leseprogramm für die anstehenden Zugfahrten. (Klar: read while you work, funktioniert bei nicht…)

sich in luftige Höhe begeben

September 14, 2021

Warum mehrere Bilder einer Reihe, dazu noch in nostalgischem Schwarzweiß, an Ausstellungsräume erinnern – egal – kunstfertig ist hier der Inhalt – eine Darda-Bahn, gespannt zwischen zwei Wohnungen im dritten Stock, um deren Aufziehautos durch den Himmel rasen zu lassen – und in puncto Kunstmachen, hilfreich die Message dieser Familienfotos:
Es geht um die Freude am Spielen, bei dem man sich (oftmals) unmerklich in neue Höhen schrauben kann.
Das wird mein Motto für die beiden Drum-Events am kommenden Wochenende werden!

Freue mich auf Flo König und Simon Popp aka 9ms (wir werden am Freitag ein Doppelkonzert in meiner Heimatstadt Schorndorf geben; davor drehe ich selbstverständlich eine kleine Nostalgierunde um eben jenes oben abgebildete Hochhaus) und auf das Dresdner Drum & Bass Festival (hey, hey zum fünften Mal mit dabei!)

Jazz-Open in Brasilien

September 14, 2021

Das Reise-Wochenende (Frankfurt-Laupheim-Brasilien) hat mir viel neue Musik beschert:
Diedrich Diederichsen erzählte spannend über die Achse Frankreich-Madagaskar und die nun wieder veröffentlichten „mitreißenden Alben“, irgendwo zwischen afroamerikanischem 60er Jahrejazz und Weltmusik.
Aus diesem taz Artikel stammt auch das Foto des Schlagzeugers (und Bassisten) Sylvin Marc:

Jef Gilson/Malagasy „À Madagascar“ (Souffle Continu/Morr Music/Indigo)
Sylvin Marc/Del Rabenja „Madagascar Now“ (Souffle Continu/Morr Music/Indigo)
Jef Gilson/Malagasy „At Newport“ (Souffle Continu/Morr Music/Indigo)
Byard Lancaster „Funny Funky Rin Crib“ (Kindred Spirit)
Palm Unit „Chant Inca. Hommage à Jef Gilson“ (Super Sonic Jazz)

Nach der Laupheimer Drummerparty empfahl mir Konne Schädler (Umhänge-Keyboarder von Yi1, einem fulminaten Elektro-Trio, das nur 15 Minuten zum Aufbau und Soundcheck brauchte!) die Funklordz Playlist der Chromeo Protagonisten:

Und dank eines intensiven Doppelgigs im Rahmen der Jazz Open war ich nun auch zum ersten Mal in der Villa Reizenstein – interna gleich nach der Ankunft: der schöne Garten wird gerne auch von einem Fuchs besucht/markiert – jetzt fehlt auf meiner Stuttgart-Liste nur noch der Monte Scherbelino.
Der wird dann beim nächsten Besuch bestiegen.

momentan sehr dunkel, aber…

September 10, 2021

Hey, liebster Moritz reise gut weiter! Das wird Dir als leidenschaftlichem und bestens ausgechecktem Fernreisenden nicht schwer fallen. Bin gespannt, was Dir für diesen Weg einfallen wird, da ja all Deine „classics“  (die ich nahezu alle übernommen habe) – 

vom elegant eingetüteten Kaffeebesteck (je nach Tourumfang und –größe: Esbit Kocher, Herdkännchen plus Handmühle oder Siebträger), über die obligatorisch gelbe Aerobie Frisbee, den Smoothie Mixer (und Spirulina Zusätze), das Longboard, Badehose & Sonnenbrille, fetter Kopfhörer, nebst feiner Auswahl an Punkrock, Dub und Hip-Hop Krachern –

nicht mitführbar sind. Ist bei Deinem Optimismus, Deiner Neugierde und dem Erfindungsreichtum* bestimmt kein Problem!

Sprich, um Dich mache ich mir keine Sorgen, aber für uns Hinterbliebenen ist’s verdammt heftig. Und erstmal äusserst dunkel. Du und dein sonniges Gemüt, Deine Leidenschaft und Lebenslust, ihr werden auf vielen Ebenen fehlen, Dein stimmiger Sound (warm & druckvoll) ohnehin.Aber hey, wenn ich mich jetzt durch die Bilder, Nachrichten und Erinnerungen wische, kommen wieder sonnige Strahlen zum Vorschein. Ich werde bei jedem gelungen Kaffee, bei jedem imposanten Frisbee-Fang an Dich denken – danke für weit über 20 Jahre gemeinsamen Tourens, danke für die Freundschaft.
Den anvisierten Besuch bei Mad Professor werden wir in einer anderen Welt nachholen und heute Abend trommle ich einen lauten Reverbshot in Deine Richtung!

* für den inhaltlichen Blogbezug reihe ich noch ein paar musikalische Highlights aneinander:

Moritz stimmiger Sound war ein Amalgam aus Dub und Hiphop, dennoch nie aggresiv eher angenehm süffig, poppig, charmant. Er liebte einen fetten Bass, Echos und Reverbshots. In Bezug auf letztere gab es in die vielen DePhazz verschiedene Ansätze:
– immer, die von ihm zum Moment passenden, manuell gefahrenen Öffnungen des Aux-Send.
– bei meiner Timbale zu dem die Option, dass ich einen größeren Hallraum (mittels Gate) durch die Schlagstärke erzwingen kann.
PS. das Fenster-Foto stammt aus Odessa. In dieser Venue wurde die Timbale mal nur mit 4 Sekunden verhallt…

Für einen durchsetzungsfähigen Sidestick Sound wurde mit Klebe-Piezos, Klemmtriggern oder zusätzlichem Mikrofon für den Kessel experimentiert.

Ein Post über Moritz ohne Musik geht nicht. In diesem Sinn hänge ich folgende Jamaika-Juwelen dran (die ich heute Abend ebenfalls spielen werde), sowie Herrn Elsners Netzer Mitschnitt  aus dem Jahr 2006:

Hier noch ein schönes Foto von Jochen Etzels FB-Beitrag, Sommer 2016, Cro Unplugged Festival:

farbige Klebepunkte, bunter Sound

September 9, 2021

Da ich bei der Laupheimer Drummerparty (neben einem selten zu hörenden Duo-Set mit Hellmut Hattler) auch den Soundtrack zur Graffiti-Aktion von Philip Walch gestalte, habe ich mal wieder den Bildband „Hip Hop Files“ von Martha Cooper hervorgekramt, aber auch ein Ableton-File konzpiert, dank dem sich jeglicher, „auswärtiger“ Audio-Player durch die Software routen lässt, dort dann DJ-typische Effekte beim Trommeln zur Lieblingsmusik erzeugt werden können.
Sprich, ich setze aufs typische Proberaum-Setting (wo ich gerne zu vertrauter Musik spiele) eine zusätzliche Kreativebene drauf. Jetzt kann ich auch die Zuspielung ganz einfach dekonstruieren und neue Drumgrooves darüber schichten. Also, den eigenen Remix trommelnder Weise entstehen lassen!

Ich brauche die „Blackhole“ Freeware fürs Computer-interne Audio-Routing und zack kann ich Musik aus YouTube, Spotify und co. oder elegante DJ-Mixe aus djay Pro durch die Ableton Software schicken. Dort habe ich ganz traditionell einen spürbarbaren Low-Cut (auf die Taste Q), einen Send in den Hallraum (Taste R), sowie einen Send ins Delay (Taste D) vorbereitet. Beim Jammen tappe ich (mit Taste T) Abletons Songtempo für die gewünschte Echo-Subdivision.

Macht großen Spaß!
Checks aus (hier der passende Ableton Song) und/oder komm‘ am Freitag vorbei und tanz mit.

DiscJamming 2.0

Twofer

September 9, 2021

Vom im Studio beliebten „Woofer“ (zwei Kickdrums hintereinander), zum Twofer („two for one“):
Max Gebhard schiebt ein Floortom in die offene Basstrommel und schneidet für den zweiten Klöppel der Doppelfussmaschine einfach ein Loch ins Schlagfell:

Super kreative Erweiterung des Emig-Ansatzes, bei der Doppelfussmaschine einen harten Klöppel und einen weichen Fellpuschel zu verwenden, für unterschiedlich Sounds oder zum temporären Dampfen einer resonant gestimmten Kick.

Apfelmännchen

September 9, 2021

Da der Ablenkungsfaktor ohnehin schon so groß ist, scrolle ich tonlos durch IG. Dabei ist es immer wieder toll zu erleben, wenn mich ein Musikbeitrag dennoch neugierig macht bzw. begeistert.

Bei brasilianischen Bassisten Fernando Rosa helfen diesbezüglich mehrere Eigenschaften: eins a Körpersprache (nicht nur der Retro-Bezug, sondern vor allem der ganzheitliche Groove) und überspringende Freude.
Bei ihm schau ich aber auch – gerne direkt mit angeschaltetem Lautsprecher – vorbei, wenn ich Lust auf „late seventies Vibes“ und Funk verspüre…

Die Choreografie einer Tape Delay Schlaufe, erinnert mich in puncto Eleganz, geordenetem Chaos und immer wieder überraschenden Momentbildern, direkt an die Fraktalbilder und Mandelbrotmengen, die ich irgendwann gegen Ende meiner Schulzeit mitbekommen habe.

Also tippe ich ab: Die >>Chaostheorie beschäftigt sich mit dynamischen Systemen, deren Zustand sich mit der Zeit ändert und in denen nichtlineare Zusammenhänge auftreten<< und werde wieder zum Apfelmännchen…
zum Männchen, das mittels Apfelgerät tonlos durch die sozialen Medien schwebt oder, das Apfel kauend das Bandecho anschaltet und loslegt 🙂

The Clapper

September 8, 2021

Karriem Riggins erzählt auf IG die Geschichte seiner Beat Tapes bzw. die Verbindung zu J Dilla.

Und ich klatsche für Maria Kolesnikowa. Ihren Mut, ihre Konsequenz und ihren Kampf ohne Aggressionen!

>>Die Musikerin Maria Kolesnikowa, führende Figur des Koordinierungsrats der belarussischen Opposition, ist am Montag von einem Minsker Gericht zu elf Jahren Haft verurteilt worden.<< 
(Quelle: taz 07.09.21)

#FreeMaria