Beat-Literatur, Hallexplosionen und der Geist des Lötkolbens

Ich lese nach wie vor Marcel Beyer, lege aber mal geschwind Putins Briefkasten zur Seite und suche nach seiner Lobrede „Der achtigste Geburtstag“. Denn Michel Baumann hat mir von der Verbindung zwischen dem legendären Schriftsteller der Beat-Generation William S. Burroughs und King Tubby berichtet. Und so finde ich unter der Überschrift „Der Geist des Lötkolbens“ zunächst folgenden taz-Schnippsel:

>>In seinem Ständchen zum 80. Geburtstag von William S. Burroughs wies Marcel Beyer 1994 auf einige unerklärliche Ähnlichkeiten hin, die zwischen Dub-Reggae und den Techniken und Ideen des Schriftstellers bestehen. Auf der Grundlage wilder Theorien über Burroughsche Jamaika-Aufenthalte, bewies Beyer im Erich-von- Däniken-Stil, daß die jamaikanischen Musiker des Dub-Umfelds offensichtlich dessen Vorlesungen gehört haben mußten. Verblüffend, aber der Mann hatte recht: War Tubby nicht mit dem Schraubenzieher unterwegs, zu schauen, welcher Geist in den Maschinen wohnt. Veränderte Tubby nicht deren Code, so wie Burroughs es tat, als er sich als Tonbandreparateur filmen ließ? Hatte Tubby nicht damit begonnen, den Baß in den Vordergrund der Musik zu mischen und gleichzeitig dessen Klang zu Volumina anzudicken, die Toningenieuren bis heute Rätsel aufgeben. Burroughs philosophierte auf der anderen Seite in einem Interview über die Folgen von Infraschall, also Schallwellen unterhalb des nicht mehr hör-, aber körperlich spürbaren 20-Hertz- Bereichs? Und ähnelte der zu Partikeln zerhackte Gesang des Dub nicht den Ideen zu Klangmanipulationen, die Burroughs in „Die elektronische Revolution“ beschreibt?
Wie auch immer: Tubby schmiß einen Stein in den Teich, dessen Wellen sich bis heute nicht beruhigt haben. <<

Erinnert mich auch etwas an Austin Kleon. (Bild von seiner Webseite)

Und da im gestrigen Artikel über Mad Professor das schicke Wort „reverb explosion“ (einen typischen Dub-Kunstgriff, den ich bisher nur unter Room Shot oder Reverb Shot kannte), liefere ich einen artverwandten Vorfahren nach:
Im Refrain der Simon & Garfunkel Single „The Boxer“ (1969) gibt es immer wieder einen Kanonenschlag-artigen Akzent zu hören, ein krasser Gegensatz zum eher braven Vers eines gefälligen Folk-Songs. Hal Blaine machte sich Gedanken, wie er den süßlichen Titel, den er eher wie ein Schlaflied empfand, auf gute Art rhythmisch begleiten könnte. Der Kanonschlag jedenfalls war seine Snaredrum, die in/vor einem leeren Fahrstuhlschacht der Columbia Studios aufgebaut wurde.
Auch die restliche Rhythmusgestaltung beweist Geschmack: erstmal nichts – dann nur die bouncende Kickdrum (aber auch die nur auf der rechten Seite des Panoramas). Im Refrain dann die volle Wucht (a “cannonball-like” sound) plus einem leisen, dafür angezerrten Tomloop, auf der linken Seite. Für die Verse wird dieses, einem Standardtanz einer Beatbox nicht unähnlichen Pattern, von seinem Klangschmutz befreit und hoppelt clean und unfällig mit.


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