Putins Briefkasten oder von der Kindheit lernen

Unter Andreas schicker neuer (alter) Staff-Leuchte lese ich „Putins Briefkasten“ und schreibe direkt zwei tolle Gedankengänge von Marcel Beyer ab:
Seite 27f
>>Soweit ich weiß, spielen alle Kinder, egal in welcher Kultur, in welcher Sprachumgebung sie aufwachsen, in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung ein Spiel, das man im Deutschen ›Fort – Da‹ nennt. Die unbändige, manchen Erwachsenen unverständliche Freude eines Kleinkindes, das noch nicht sprechen kann, wenn es einen geliebten Gegenstand fortwirft, aus seinem Gesichtskreis verschwinden läßt, um ihn sogleich wieder aus der Tiefe der Welt zurückzuholen. ›Fort – Da‹: Ich übe Macht über Dinge und Menschen aus, ich greife in die Welt der Dinge ein, lasse Gegenstände vom Erdboden verschwinden und zaubere sie zurück, ich lote den Weltraum aus.
Später, wenn das Kind zu sprechen beginnt, braucht es nicht mehr mit Gegenständen zu werfen, es lernt die Macht der Sprache kennen, mit deren Hilfe es wirkliche Menschen herbeirufen und unwirkliche Gegenstände in der Imagination aufrufen kann.
›Fort – Da‹: ein Bild für den Wechsel zwischen Abwesenheit und Anwesenheit, wie man es im Deutschen nicht knapper fassen könnte. Aber hier verbirgt sich auch ein fremdsprachiges Wort: »Da« – das große, die gesamte Welt umspannende »Ja«.

Seite 32
>>… ein Taumel, der einige Ähnlichkeit mit jenem aus der Kindheit bekannten Gefühl hat, wie man es sich verschafft, wenn man auf einer Schaukel sitzt. Etwas in der Magengegend, schwer zu beschreiben, und, für das Kind, auch etwas, das keine Worte braucht. Damals, könnte man sagen, habe ich die Zeit entdeckt. Man weiß nicht recht, ist man erregt, wird einem übel. Da man sich in den Himmel schwingen lässt, weiß man mit Sicherheit nur: In meinem Rücken liegt die Erde, dahin kehre ich zurück. Die eigene Kraft im Wechselspiel mit den Kräften der Gravitation, man spürt, ich habe die Macht, mich selber in eine Zeitschwingung zu versetzen, jetzt bin ich oben, jetzt bin ich unten, und jetzt wieder oben. Eine unendliche Abfolge von ›Jetzt‹, die man vielleicht nur darum erträgt, weil die Dimension des Raumes unangetastet bleibt.<<

Nur so am Rande: Die von mir bold hervorgehobenen Textstellen passen übrigens hervorragend zum Thema „Echodrums“…

Eine Antwort to “Putins Briefkasten oder von der Kindheit lernen”

  1. Beat-Literatur, Hallexplosionen und der Geist des Lötkolbens | E-BEATS Says:

    […] lese nach wie vor Marcel Beyer, lege aber mal geschwind Putins Briefkasten zur Seite und suche nach seiner Lobrede „Der achtigste Geburtstag“. Denn Michel Baumann […]

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