Stil, Intensität, Formbewusstsein

Letzten Sonntag hat mir der Zufall über den Tag verteilt, drei schöne Gedankenanstöße zugespielt, die ich in bester Urlaubslaune und leicht aus dem Zusammenhang gerissen, nun aufschreibe:

>>… wenn ich an Stil denke (der Gnade ist, ein Sichwiegen im Gleichklang mit dem allgemeinen Gewoge der Welt, ein Schweben unterhalb des Stromes, ohne Oppositionsmoment, dem Mäandern der Fülle und der Leere folgend), gerät mir immer das gleiche Bild in den Sinn: die langen Algen, wie sie der Strömung auf und nieder schweben, sie biegen sich, werden dünn und verdicken sich wieder im grünen gelatinösen Wasser auf dem Meeresgrund.
Um Stil zu haben, kann man nichts tun. Denn Stil hat man nicht, man ist es. Der ist in die Funktionszusammenhänge der Wirbel in deiner Wirbelsäule eingeschrieben, in die Dynamik deiner Körpersäfte, in den Lichtfleck auf deiner sanften Pupille. In die Klugheit deines Verstandes, die voranschreitet, wenn das Universum voranschreitet und sich zurückzieht, wenn das Universum sich zurückzieht.<<
Mircea Cartarescu „Warum wir die Frauen lieben“ Erzählung: „Die kleine Negerin“ (Suhrkamp, 2008)

>>In meinem Buch skizziere ich drei Figuren der Intensität. Die erste ist eine aristokratische Figur aus dem 18. Jahrhundert, bei der Intensität mit der Elektrifizierung verbunden wird. De Sade und viele freidenkerische Pariser Autoren waren damals von der Elektrizität fasziniert. Im 19. Jahrhundert gibt es eine bourgeoise Figur, den romantischen Dicher. Er erlebt die Intensität durch die Natur, etwas ein Gewitter und die Kunst des Dichters. Im 20. Jahrhundert war der Teenager mit E-Gitarre die dominante Figur der Intensität – eine demokratische Figur. Und sie ist auch die letzte dieser Figuren. Sie alle stellten eine Avantgarde des intensiven Lebens dar. Aber jetzt ist die Idee der Intensität demokratisiert und die Intensität ist die ethik der Mehrheit geworden. Der moralische Inhalt dessen, was du tust, ist egal. Aber tue es aus vollem Herzen<<
Tristan Garcia („Das intensive Leben. Eine moderne Obsession“) im Sonntaz-Gespräch mit Christian Werthschulte

Darüberhinaus beherzige ich den Ratschlag eines befreundeten Osteopathen – jeden Bissen 32 mal kauen – und denke dabei , dass ich damit bestimmt meinen Organismus unterstütze und zudem mein Formbewusstsein (A A B A ?) stärke…

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Eine Antwort to “Stil, Intensität, Formbewusstsein”

  1. Beatifikation, Turbofolk & die Moderne | E-BEATS Says:

    […] ich stelle mich den Ansichten des französischen Philosophen Tristan Garcia über „Das intensive Leben“ und schreibe gleich mal was Schönes von Seite 33 ab: >>Von den tausende möglichen […]

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