Anamorphose

Ich war heute im Technoseum, was sich nach club-musikalischer Geschichtsstunde anhört, tatsächlich aber ein familienfreundliches Mitmach-Museum in Mannheim ist.

Dort entdeckte ich die Anamorphose, ein Bild, das man nur aus einem ganz bestimmten Blickwinkel oder dank eines besonderen Hilfmittels erkennen kann. Also ein naher Verwandte des Trompe-l’œil, der übersetzt „Umformung“ heisst.

Derartige verzerrte Bilder tauchten zu Beginn der Renaissance erstmals Mal in der bildenden Kunst auf, als Erfinder wird Leonardo da Vinci (1452 – 1519) genannt. Der Wikipedia-Artikel verdeutlicht mir das Konzept anhand des 1533er Gemälde „Die Gesandten“ ganz gut.

1280px-Hans_Holbein_the_Younger_-_The_Ambassadors_-_Google_Art_Project

Es geht also um Verschlüsselung, Illusion und den Blickwinkel des Betrachters (diesbezüglich beeindrucken mich beim Weiterforschen die Fotografien von Arthur Mole).

Selbstverständlich versuche ich, das eben gelernte direkt auf die Darbietung von Musik zu übertragen. Die Idee der Illusion kam hier im Blog ja schon öfters vor, wie aber lässt sich musikalischer Inhalt sinnvoll verschlüsseln, was kann man dem Zuhörer durch die Änderung seines Blickwinkels bzw. seiner Hörposition anbieten?
Und dann erinnere mich an die ersten Netzer Gigs in der „orangen Bar“, einem Miniclub in Schlauchform, wo Sven damals leidenschaftlich seine alten Bluenote-Platten auflegte. Jedoch waren die Boxen an den beiden Schlauchenden aufgestellt, die Stereo-Mixe von Rudy van Geldern aber gerne nach Schema >>horns left, piano center, and bass and drums right<<, so dass je nach Position des Gastes ein ganz eigener Höreindruck entstand.
Aha, eine erste Erkenntnis: Wahl und Standort/Mischung der Klangquellen. Und in Klammern Begriffe wie Mono/Stereo, Quadrophonie/5.1, Phase, akustische Instrumente vs.elektrifizierten Klängen aus Lautsprechern; hörbare/spürbare Frequenzen, klangfilternde Elemente im Raum (vom Absorber bis zum Gehörschutz).

Beim Weitergoogeln finde ich einen Artikel von Georg Peez und Michael Schacht mit dem Titel „Die eigene Wahrnehmung spüren„, mit vielen tollen (An)Sätzen, die ich zum Weiterdenken gleichmal herauskopiere:

>>Im Gegensatz zur Metamorphose, dem völligen Gestaltwandel, thematisiert die Anamorphose die Verzerrung und Entzerrung einer Gestalt durch Wahrnehmung. Seit der Renaissance gelten anamorphotische Bilder als Symbole für die zeitweilige Infragestellung traditioneller Ordnungsprinzipien. […]
Anamorphosen verursachen Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, denn Anamorphosen machen leiblich erfahrbar, daß unsere Wahrnehmung variabel, zweifelhaft und standpunktabhängig ist, daß unsere Wahrnehmungsbewegungen subjektiv weltordnend sind.<<
>>Die Eigenbewegung des Betrachters ist nötig, um das Spiel ins Rollen zu bringen
[…]eine Bewegung „am Rande des Chaos“.[…]
Diese Kippmomente zwischen vollendeter Harmonie und Chaos sind konstitutiv für Produktions- und Rezeptionsprozesse nicht nur in der bildenden Kunst. Sie machen uns darauf aufmerksam, daß der Betrachter jeweils am Rezeptionsprozeß aktiv und konstitutiv beteiligt ist. Wir werden offenbar dort am stärksten ergriffen, wo wir Ordnung freiwillig aufs Spiel setzen. Ein solch spannungsreiches Tun ist nicht ohne Risiko, denn die Orientierung kann uns hierbei durch Wechsel des Standpunktes zeitweise verlorengehen. Umso größer ist unser Glücksgefühl, die Grenzen auszuloten und neue Grenzen zu finden. „Neues entsteht beim Durchgang durch chaotische Zonen. Kunstschöpfung ist ein Akt in größtmöglicher Nähe zum ‚Gerade-noch-nicht-Chaos‘.“<<

>>Wahrnehmung wandelt sich von einem Abbildungsverständnis zu einer teilhabenden Bezugnahme. […] Nicht das Objekt steht im Mittelpunkt, sondern die Interaktion des sich bewegenden Betrachters mit dem Werk.<<

>>Markus Raetz‚ Anamorphose [„Reflexion“, 1985-1988. Sieben Aststücke aus Bruyère-Holz, ein Rundspiegel, die ich mir im Frankfurter Museum für Moderne Kunst noch anschauen möchte] verweist uns auf eine der dominantesten, sich zum Teil fatal auswirkenden Entwicklungen unserer westlichen Kultur: die Verlagerung von Kunst und Kultur vom Körper in den Kopf, bzw. in einen körperlosen Kopf. Die Sinne nehmen in diesem Modell nur noch passiv auf, Sinn und Bedeutung werden im Kopf konstruiert. Wahrnehmung wird entmaterialisiert.<<

Weitere Erkenntnisse folgen hoffentlich gleich im Schlaf…gute Nacht…hallo Mai!

 

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