puk-puk-puk-puk

Christoph fragte per Email: >>Bist du so jemand, der behauptet, gezielt vor und hinter dem Click zu spielen bzw. die Beats unterschiedlich zu plazieren? (Andere namhafte Studiodrummer halten z.T. auch nichts davon, bemühen sich nach eigener Aussage nur, so genau wie möglich drauf zu spielen.)<<

Hier der Versuch einer Antwort zum Thema: vor dem Click, drauf!, hinter dem Click, oder gar in the Pocket?

Für mich ist der Click eine Orientierungsspur. Er gibt Info zum (vermeintlich) richtigen Tempo, zählt mich ein, ist Schnittstelle zu mitlaufenden Playbacks, oder eine dankbare Referenz für mehrere Musiker in Rhythmus-freien Passagen.
Anstelle jetzt einen rechnerischen Bezug zum Clicktrack herzustellen, unterscheide ich verschiedene musikalische Situationen:

1. So stimme ich die zeitliche Platzierung meiner Instrumente eigentlich viel lieber mit der zugespielten Elektronik ab, versuche mich dort draufzusetzen und mit ihr ein tightes Fundament zu bilden. Viele dieser Beiträge sind alles andere als Deckungsgleich mit dem Click, man denke an: organische Drumloops, schlecht geschnittene x-Takter oder der Wechsel zwischen Loops aus unterschiedlichen Produktionen, wilde Quantisierungen, träge Frequenzen oder verhallte Signale… und prompt spiele ich ebenfalls neben dem Taktell.
Je nach musikalischem Sinn möchte ich „drauf“ sein (eine untight gedoppelte Kick verliert an Druck), oder versuche meinen Schlag ein wenig vor der Zuspielung zu trommeln (so dass diese eher wie ein nachhallender Raum wirkt). Zudem hängt meine Spielweise auch von der gewünschten Balance ab:  was soll später den Zuschauerraum/Mix dominieren: Playback oder Livedrums? .

2. Manchmal ist es sinnvoll den Refrain treibender, oder weiter vorne anzugehen (denk an Stewart Copeland/The Police). Oder die Snare weiter hinten zu spielen (- wofür im Englischen gerne mal das Adjektiv „smoking“ verwendet wird). Solche Überlegungen passieren aber sehr oft intuitiv, die Musik verlangt es einfach.
Auch in der Art der Ausführung mache ich (im Rückblick) vieles eher unbewusst richtig:
eine träge Hihat spiele ich mit Stockschaft und eventuell halb geöffnet, oder organisch-loose, eine treibende Hihat  mit dem Stockkopf auf der Beckenmitte und dadurch mit mehr Höhen und präsenter, oder richtig zickig-laut und maschiniell.
Möchte ich generell nach vorne ziehen, beugt sich mein Körper automatisch ins Set hinein, will ich eher laid back trommeln, passt sich meine Körperhaltung an und ich lass mich nach hinten fallen (- eins zu eins!)

3. Vom Kopfeinsatz geprägte weitere Erfahrungswerte:
a. Soll die Snare vor dem Beat geschlagen werden, denke ich an einen Flam.
In der umgekehrten Anforderung stelle ich mir vor, der Effektanteil eines Slapback-Echos zu sein. Und trommle einen Malf.
b. Ich habe festgestellt, dass die „1“ nach einem Fill-In (meistens auf dem Becken) gerne zu spät kommt.
Es liegt es mir persönlich ohnehin mehr, weiter hinten zu spielen. Vor dem Click zu trommeln ist mir unangenehm – wahrscheinlich, weil dabei die Refernenz überholt wird und dadurch nicht zu hören ist. Daher versuche ich nach der Entscheidung vor dem Click zu sein, gar nicht so sehr auf diesen zu achten, sondern selbstbewusst auf Autopilot zu stellen. Oder – in der Studiosituation – den kompletten Clicktrack (gegenüber dem Song-Grid) minimal vorzuziehen.
c. mein Auspruch „der Loop verzeiht alles“ wird auch hier zum funktionierenden Motto: egal wie ich quantisiere, wackle oder, oder. So lange ich es schaffe, mein Pattern, meine Klänge, und deren Balance loopmäßig durchzuziehen, wird es sich irgendwie „richtig“ anfühlen…
d. eine ungünstige Monitorsituation verleitet oftmals zum „Schleppen“.
e. eine komplett neue Sitiuation entsteht, wenn ich nun rein elektronisch trommle und mich zusätzlich mit MIDI und Audio-Latenzen (z.B. wenn der Computer als Soundmodul genützt wird) auseinandersetzen muss…

Ich rate dennoch jedem, mal gemütlich etwas Zeit mit dem Metronom zu verbringen, und die verschiedenen Spielarten der Rhythmus-Platzierung zu testen, am geschicktesten auch beides (Click und Livedrums) aufzunehmen, sich in der Analyse an den Vorlieben zu erfreuen und den Schwächen durch weiteres Üben Paroli zu bieten. Zur Erfrischung (und stellvertretend für das Trommeln zum Loop) wird zur Lieblings-CD geklopft.

Spannend wäre es, die Eingangsfrage einem wirklichen Studiodrummer (- ein Berufsfeld aus dem letzten Jahrhundert – ) zu stellen. Ich denke da z.B. an Curt Cress, der mir neulich erzählte auf ca. 14000! Titeln vertreten zu sein…

Und: in meinem Buch gibt es zum Weiterlesen noch ein kleines Kapitel „Stressfreies Spiel mit dem Click“  („e-Beats am Drumset“ Seite 98)

clickfreund

6 Antworten to “puk-puk-puk-puk”

  1. Freddy Says:

    Schade, dass wir nicht bei MACuser.de sind! Mir fehlt die DANKE Funktion 😉
    Freddy

  2. Christian Says:

    Danke für die ausführliche Stellungnahme, die ja auch für Bassisten interessant ist :o). D.h. ich verstehe richtig, dass du eben nicht nur übst, genau drauf zu sein, sondern dass du gezielt verschiedene Varianten übst – je nachdem was musikalisch sinnvoll ist?

  3. Der Loop verzeiht alles « E-BEATS Says:

    […] perfekte Erklärung für meinen Ausspruch „der Loop verzeiht alles„. Bei der Rhythmusschleife wird der klar definierte Taktanfang/ende zum ersten und letzten […]

  4. Gegenwart in the pocket « E-BEATS Says:

    […] Von oli Folgende Steinfest Feststellung erweitert unabsichtlich und philosophisch die „drauf – davor – dahinter“ Diskussion. >>Vergangenheit und Zukunft mochten ungnädige Zicken sein, die Gegenwart hingegen war […]

  5. Malf « E-BEATS Says:

    […] kann ich ja jetzt diesen Blogbeitrag zum Thema „vor oder hinterm Beat?“ stilsicher ausbessern: >>Soll die Snare vor […]

  6. Wenn alle hinten spielen, wer spielt dann vorn? | E-BEATS Says:

    […] Kluges auf den Punkt gebrachte Bemerkung zum Thema “vorne, hinten, drauf” und der dazugehörige Bonedo Groove Workshop von Sönke Reich, in welchem er sich dem […]

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